Trauerfeier für Wolfgang Wagner
13. April 2010 | Von Dorle Knapp-Klatsch | Kategorie: Alles Theater, Bayreuth, Z bis A Gedenkfeier im Bayreuther Festspielhaus
Der Zuschauerraum im Festspielhaus füllt sich – viel Politik-Prominenz von Hans Dietrich Genscher bis hin zu Bundeskanzlerin Angela Merkel nebst Gattinnen und Gatten; sowie Sänger, Regisseure und viele andere, die im Laufe der Jahre rund um den grünen Hügel zu sehen waren. Unter dem lächelnden Portrait Wolfgang Wagners nimmt auf der Bühne das Orchester in voller Grabenbesetzung Platz, ungefähr 130 Musiker. Dahinter reihen sich sich circa 70 Chorsänger auf, hinzu kommen noch die Reserven im Hintergrund. Aus allen Winkeln der Republik sind die Musiker hierher gekommen, manche wegen ihres weiten Weges schon einen Tag früher. Christian Thielemann kam eine knappe Stunde vor Beginn in Bayreuth an, denn am Vormittag dirigierte er noch ein Konzert in Wien. Die Trauerfeier beginnt mit dem Vorspiel zu Lohengrin, was mir bis jetzt nie traurig erschien. Es folgen „Siegfrieds Rheinfahrt“ aus der Götterdämmerung, der Chor singt a cappella „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ (Psalm 91) von Felix Mendelsohn-Bartholdy und endet mit dem Vorspiel und Choral aus den „Meistersingern von Nürnberg“. Sämtliche Redner – Oberbürgermeister Dr. Michael Hohl, Ministerpräsident Dr. Horst Seehofer, Christian Thielemann und Professor Dr. Joachim Thiery – würdigen Wolfgang Wagner von ihrem eigenen Standpunkt aus. Trotz der großen Anzahl von 1500 Besuchern bleibt der private Charakter, denn wohl jeder hängt seinen Erinnerungen nach. Mein erster Eindruck von Wolfgang Wagner war prägend und fand 1981 statt, als ich unbedarft zum ersten mal die Generalproben im Festspielhaus besuchte. Als das Licht ausging, trat ein kleiner Mann vor den riesigen Vorhang: „Denken Sie daran, dass Sie hier Gäste sind und benehmen sie sich danach.“ Wumms. Welch eine charmante Begrüßung! Am Ende der Vorstellung kam der selbe Mann vor den Vorhang gejagt, wild gestikulierend: „Raus, raus, raus, gehen Sie raus, schnell, schneller, raus!“ Panik ergriff mich. Etwas Schlimmes musste vorgefallen sein. Brannte es etwa? Von meinen weise lächelnden Sitznachbarn wurde ich belehrt, dass noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit Korrekturproben stattfinden. Um Techniker und Künstler nicht allzu lange warten zu lassen, verscheucht Wolfgang Wagner lieber das Publikum. Mit diesen beiden Erlebnissen ist schon alles beschrieben, was ich damals weiter erfuhr.
- Der grüne Hügel samt Festspielhaus und allem drum herum ist SEIN Areal, das er als Prinzipal nach seinen Regeln gestaltet.
Die Grenze zwischen Ost und West beispielsweise akzeptiert er nicht. Als es (um diese Zeit) im Osten für normal Sterbliche unmöglich war, je in den Westen zu reisen, kommen auf seine Einladung hin Musiker, Sänger, Regisseure, aber auch Garderobenfrauen und Küchenhelferinnen aus der DDR für die Festspielzeit zur Mitarbeit in seine Domäne. Ein Kontingent Eintrittskarten lässt er für Musikstudenten frei halten, obwohl die Nachfrage sehr groß und das Haus nicht nur immer ausgebucht ist, sondern noch die zehnfache Menge verkauft werden könnte…
- Die Mitwirkenden und ihre Arbeitsbedingungen genießen hohe Priorität.
Als zum Beispiel der Orchestergraben neu bestuhlt wurde, erkundigt er sich bei den Musikern nach ihrem Befinden. Einer ist wegen seines Rückenleidens nicht zufrieden. Nach einer halben Stunde sitzt er wieder auf seinem alten, eingesessenen Stuhl, den Wolfgang Wagner persönlich aus dem Lager herausgefischt hat. Wolfgang Wagner liebte es, neue Wege zu betreten. Er lädt Regisseure, die abseits des Gewohnten inszenieren, in seine „Werkstatt Bayreuth“ ein. Kritik daran nimmt er sportlich und läßt die Produktionen mindestens vier Jahre lang laufen. Regisseure von Cheréau bis Schlingensief – eine Ausnahme blieb „der schöne Hall“ – nutzten gern die Gelegenheit, jedes Jahr ihr Konzept weiter zu entwickeln… . Als die Trauerfeier vorbei ist und die Besucher nach draußen strömen, empfängt sie ein fast unwirklich gleißendes Sonnenlicht, wie es nur nach einem vorangegangenen Regenschauer sein kann. Als strahlendes Omen für die kommende Zeit? .
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