
Weltgeschichte, verbunden mit Familiengeschichte, über die Zeit der Gründung des Staates Israel. Mit einem Augenzwinkern erzählt Meir Shalev das Leben seiner Großmutter. Dokumentiert wird die Biographie mit alten Familienfotos.
Großmutter Tonia übersiedelte in den Dreißiger Jahren von Russland nach Israel. Kaum im Land, heiratete sie den Witwer Aaron, Vater von zwei kleinen Kindern. Anscheinend fühlte sie sich in dieser Rolle nicht ganz wohl. Das äußerte sich in kleinen und großen Dingen – besonders in ihrem übertriebenen Putzfimmel.
Über Großmutter Tonia, den Putzteufel, kursieren verschiedene Versionen, denn die Familie Shalev besteht aus lauter Geschichtenerzählern. Die einen hielten Tonia für verrückt, die anderen für eigenartig. Alle sind sich einig, dass sie als “Original” bezeichnet werden kann. Nicht ganz einig sind sich die Verwandten, wer am meisten unter ihr gelitten hat. Trotzdem erfreut sich die “Putzfrau” Großmutter Tonia bei allen Kindern, Enkeln, Geschwistern und deren Kindern großer Beliebtheit.
Der Erzähler Meir Shalev hatte am wenigsten unter ihr zu leiden, im Gegenteil.
Er war ihr erster, und ältester, männlicher Enkel und genoss damit Sonderrechte. Ihm wurde nie frühmorgens um fünf Uhr die Matratze unter dem Hintern weggerissen. Er musste nie vor der Schule das Haus putzen. Er wurde nie aus dem Unterricht geholt, um vor einem Feiertag die Zimmerwände abzuschrubben. Nie wurde sein letztes Putzwasser kontrolliert, ob es nach dem Bodenwischen auch klar war.
In diesen Rhythmus von ständiger Arbeit kommt ein Gerät, das – nicht unbedingt erwünschte – Arbeitserleichterung verspricht. Aus Amerika schickte Onkel Jeschanjahu den größten und schwersten Staubsauger, den er auftreiben konnte. Diese Geschichte existiert in mehreren Versionen in Meir Shalevs erzählfreudiger Familie…
Familiengeschichte und Weltgeschichte zugleich
Am Beispiel seiner Großeltern und Eltern erzählt Meir Shalev von den Zeiten des Aufbaus – eine vergnügliche Zeitreise – durch den Filter der Erzählungen, die in seiner Familie kursieren, gesehen.
Selten sah ich ein unpassenderes Titelbild, obwohl es zur Geschichte gehört.
Die Reklame aus den Fünfziger Jahren mit einer schlanken, modisch gekleideten Frau mit hohen Schuhen, Nylonstrümpfen mit Naht, und geföhnten Haaren, die keck das Saugrohr des Staubsaugers in der Hand hält, suggeriert eher ein Plakat für eine amerikanische Vorabendserie. “Nein danke”, höre ich von den männlichen Interessenten, denen ich das Buch offeriere. Sie tippen vom Titelblatt her auf eine Anleitung für Frauen, etwa: „Wie sauge ich mir einen Millionär?“, oder „Wie entferne ich ohne zu Kreischen die Spinnen und Mäuse aus meinem Haus?“ oder Ähnliches.
Schade!
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Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
Meir Shalev (Autor), Ruth Achlama (Übersetzer)
Preis: EUR 20,90
Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (22. Februar 2011)
Thema “Kultur allgemein”
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