Sebastian Baumgarten legt es darauf an, die dunklen und unsympathischen Seiten dieser Geschichte ins Rampenlicht zu stellen – das hat geklappt. Das Reich der bürgerlichen Elisabeth steht für Arbeiter, die um der Arbeit willen beschäftigt sind. Sie stellen in einem ewigen Kreislauf ihre Nahrung und ihren Alkohol her, den sie zum Leben brauchen. Für etwas anders bleibt keine Zeit.
Im Venusberg dagegen herrscht Anarchie. Das ist auf die Dauer auch nicht lustig. Was einigen am Anfang vielleicht als Paradies vorkommen mag, kann im Laufe der Zeit ziemlich nervig sein.
Eine eigene Variante bringt Sebastian Baumgarten hinein.
Sobald Tannhäuser stirbt, gebiert die bis dahin hochschwangere Venus einen kleinen Tannhäuser – ein Minnesänger darf einfach nicht sterben. Allerdings folgt die Interpretation auf dem Fuße. Am Ende verlassen die Monster den Venusberg und springen fast über die Rampe, (siehe: Der Venusberg saugt sich als Käfig aus dem Boden der Anlage heraus) eine Raubkatze und sich auf die Brust schlagende Primaten. Wenn man sich vorstellt, dass ein Kind in so einer Umgebung aufwächst, kann einem schon Angst und bange werden. Armer kleiner Tannhäuser.
Wer diese Oper nicht kennt, wird Schwierigkeiten haben
Noch gibt es zu viele Ungereimtheiten, die aber spätestens im nächsten Jahr beseitigt sein werden (alte Bayreutherfahrung). Unklar bleibt, welche Funktion Elisabeth in dieser – die ganze Bühne beherrschenden – Fabrikanlage einnimmt. Sie irrt zwischen den Gasbehältern herum, holt ihren Schmuck aus einer Haferkiste und entsorgt ihn wieder in einer Dampfmaschine.
Oder, wenn plötzlich alle bisher auf der Bühne vorkommenden Darsteller wild durcheinander laufen und sich umarmen; zu einer Musik, die Kennern unter dem Titel „Einzug der Gäste“ bekannt ist.
Diese Tannhäuser-Inszenierung erschließt sich denjenigen, die sowohl Text als auch Musik in- und auswendig kennen. Alle anderen brauchen entweder eine Gebrauchsanleitung oder schließen die Augen. Sie hören ein hervorragendes Festspielorchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock, Sänger der Weltklasse und einen begeisternden Festspielchor.
Werkstatt Bayreuth:
In der von Wolfgang Wagner eingeführten “Werkstatt Bayreuth” nutzen die meisten Regisseure die folgenden Spielzeiten, um ihre Inszenierung weiter zu entwickeln. Wie ändert sich in diesem “Tannhäuser” die Inszenierung, die Sänger/Darsteller und die beachtenswerte Ausstattung von Bühne und Kostümen von 2011 im Laufe der Jahre?
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Tannhäuser, romantische Oper von Richard Wagner – Bayreuther Festspiele 2011 – Besetzung:
Musikalische Leitung – Thomas Hengelbrock
Regie – Sebastian Baumgarten
Bühnenbild – Joep van Lieshout
Kostüme – Nina von Mechow
Dramaturgie – Carl Hegemann
Licht – Franck Evin
Video – Christopher Kondek
Chorleitung – Eberhard Friedrich
Landgraf Herrmann – Günther Groissböck
Tannhäuser – Lars Cleveman
Wolfram von Eschenbach – Michael Nagy
Walther von der Vogelweide – Lothar Odinius
Biterolf – Thomas Jesatko
Heinrich der Schreiber – Arnold Bezuyen
Reinmar von Zweter – Martin Snell
Elisabeth, Nichte des Landgrafen – Camilla Nylund
Venus – Stephanie Friede
Ein junger Hirt – Katja Stuber


