♫ Parsifal in Bayreuth – Schlingensief, Beuys und der Filz

30. Juli 2011 | Von | Kategorie: Alles Theater, Bayreuth, Bühne, Inszenierung, Bühnenbild und Kostüme, Festspiele, Inszenierung, Mann oh Mann, Musik & Theater, Oper, Parsifal

Die langen Pausen bei den Bayreuther Festspielen können äußerst ergiebig sein. So erfuhr ich vom damaligen Parsifal-Darsteller, dass Schlingensief sich weitaus mehr bei seiner Inszenierung gedacht hat, als bei den Zuschauern angekommen konnte. Der Parsifal war Schlingensiefs Hommage an Fluxus und Beuys.

Es gab zwei unterschiedliche Speere, die wohl an die Wiener Performance  “Eurasienstab” erinnern sollten. Alles andere war aus Filz. Selbst die ganze Ritterrüstung des Parsifal bestand aus braunem Filz.

Wahrscheinlich ist keinem Dramaturgen, Regisseur, Bühnenbildner oder Darsteller klar, was eine Zuschauerin in der 28. Reihe sieht. Einen Speer hatte Parsifal zwar in der Hand, aber wie der genau aussah…? Das Material der Rüstung kann man vielleicht noch bis zur zehnten Reihe erkennen. Genau da, wo die Regisseure hinter ihrem Pult sitzen. Aber auch nur dann, wenn man es weiß. Selbst wenn ich erkannt hätte, dass die Rüstung aus braunem Filz besteht, hätte ich nie Beuys assoziiert.

Mit Filz verbinde ich Basteln mit Kindern oder die Ausdünstung des alten Försters aus Kindertagen.Noch lange nach seinem Besuch roch es in unserer Wohnküche nach nassem Hund. „Das ist der Filz“, wurde uns Kindern erklärt, wenn wir die Nase rümpften. Mit Beuys wiederum assoziiere ich stinkende Museumsräume, die eilig durchschritten werden. Bloß schnell vorbei an den Vitrinen, in denen Schwärme von toten Bienen und anderem Geflatter sich – wie hineingeweht – in Ecken häufen. Somit wäre eine olfaktorische Verbindung von Filz zu Beuys hergestellt – von Beuys zu Parsifal fehlt noch eine Verbindung.

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 Meine Erinnerung an die wilde Urfassung des Schlingensief’schen Parsifals: So lange das Auge nicht am Hauptort des Geschehens gehalten wird – zum Beispiel durch einen Lichtkegel – geht es auf die Wanderschaft. Es läuft allem hinterher, was sich bewegt. In dieser Inszenierung bewegte sich viel. Angefangen bei den beiden gegenläufigen Drehbühnen, die circa 20 runde Eingeborenenhütten eines zentralafrikanischen Dorfes zeigten. In die entgegengesetzte Richtung zur Drehung liefen die Sänger. Sie waren ständig unterwegs, sangen aber immer von der Mitte aus zum Publikum. Auf den festen Teilen der Bühne verteilten sich Grüppchen von gefühlten 30 Statisten. Zu Dritt überbrachten sie mit ausgestreckten Armen einen Gegenstand von A nach H und von Z nach B. Dirigiert wurden sie – mit den ausladenden Bewegungen eines Verkehrspolizisten – von einer Frau in der Mitte.

Über die ganze Bühne lief ein Video. Verwackelt und mit einer Handkamera aufgenommen, zeigte es die Berge von Nepal oder etwas Ähnlichem. Auf dem Oberteil der Bühne war es noch gut zu erkennen. Darunter mischte es sich mit dem rotierenden Kral, den marschierenden Sängern, den transportierenden Statisten. 1800 Zuschauer waren dazu verdonnert, sich Herrn Schlingensiefs Urlaubsfilmchen anzuschauen. Die Krönung aber war das Licht einer Discokugel. Kleine, aber sehr helle Spots drehten sich nicht nur auf der Bühne, sondern auch ins Publikum. An die Farbe der Rüstung kann mich mich nicht mehr erinnern, wohl aber an die Kopfschmerzen nach der Scheinwerfer-Einlage.

Dieser erste Akt des wilden Urparsivals ist aus der Erinnerung heraus geschrieben. Danach hat sich alles von Jahr zu Jahr sehr stark verändert – weniger Hütten, weniger Statisten, mehr Präsenz der Sänger. Schade, dass dieses Experiment nach vier Jahren abgebrochen wurde. Es war ein Erlebnis, die Entwicklung mit zu verfolgen.

© Kulturmagazin 8ung.info

 

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