♂ Schauspieltipp: „Faust/Reloaded“ nach Johann Wolfgang von Goethe

3. März 2012 | Inszenierung und Ausstattung von Andras von Studnitz im Wallgraben Theater in Freiburg

In der Mitte der Bühne steht etwas, was als Bett oder Schlafstätte gedeutet werden kann. Bananenkartons (Fair Trade), darauf eine Matratze. In eine Decke eingehüllt ein schlafender junger Mann (Ives Pancera), der eine Tastatur im Arm hält. Von überall blicken ihn Computer und Monitore an, die irgendwelche Geräusche aus amerikanischen Fernsehserien mit obligatorischer Werbung von sich geben. Eine richtig schnuckelige Müllhalde ist auf der Bühne aufgebaut. Die Behausung eines Hotel-Mama-Entfleuchten und damit total versumpften jungen Mannes, der mit seiner Zeit nichts anzufangen weiß. Seine einzige Beschäftigung scheinen Computerspiele zu sein. In einer Ecke stapeln sich gelbe Säcke, voll gefüllt mit leeren Limo- und Bierdosen; vorn ein Berg Pizzaschachteln, davor Kaffee-Pappbecher. Essen und trinken erledigt er nebenbei.

Wie Faust ist er ein Besessener, allerdings nicht von der Wissenschaft, sondern vom Computerspiel.
An der Wand hängt ein Portrait einer jungen Frau (könnte von der Straßenmalerin stammen), das in seinem Traum rot glüht. Verzweifelt sucht er in seinem Kruscht nach der CD, zieht seinen Schlafanzug und die verschiedenfarbigen Socken aus und enge, schwarze Kleidung an, aus der überall Kabel heraushängen. Mit zittrigen Fingern – wie ein Süchtiger – verkabelt er sich mit den Geräten.
Er spricht den Goethetext in sein Computergegenüber. Rückmeldungen bekommt er jeweils aus dem Monitor – zum Einen von Mephisto (gesprochen von Andreas von Sudnitz), zum Anderen von Gretchen (gesprochen von Tini Prüfert), die zu ihm kommt, wenn er das Spiel richtig beendet. Gretchen kündigt sich immer mit dem Lied: „Es war ein König von Thule…“ an. Faust durchlebt alle Stationen, von chapter one bis chapter end. Auch Gretchen geht ihren Weg, den Goethe ihr vorgeschrieben hat. Allerdings klingt ihr Text nicht so dramatisch wie beim jungen Faust, weil es aus dem Computer kommt. Es ist halt nur ein Spiel, wiederholbar bis zum nächsten Spieler.
Faust hingegen empfindet alles ganz real und kann sie doch nicht retten. Sie befindet sich im Kasten – weit weg von der Realität – er ist dagegen mit seiner Verzweiflung allein.

Andreas von Studnitz ist eine zeitgenössische wie kurzweilige Neuinterpretation des Faust gelungen. Ives Pancera trumpft auf als der junge Faust, sowohl vom Alter als auch überzeugend von Mimik und Gestik. Dieses Ein-Personen-Stück-mit-Stimmen bezaubert von Ausstattung und Spiel auch diejenigen, die sich mit den Gepflogenheiten eines Computerspiels und damit eines Computersüchtigen nicht auskennen.

 

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