Unter spanischer Sonne kleidet Ramon B. Ivars die Landbevölkerung in goldene Herbstfarben – ziegelrot, sonnenblumengelb, olivgrün, libellenblau stufen sich die übereinander getragenen Röcke der Tänzerinnen ab. Jedoch nicht in gleichmäßigem Abstand, sondern leicht abgeschrägt, in unterschiedlich breiten Volants als Achterbahnen tanzende Farben.
Eine Wucht ist Tanz der Toreros. Tänzer in goldglitzernden engen Torerokostümen schleudern ihre zweifarbigen, innen blutroten Capes herum, in die sie sogar die feinen Damen einwickeln. Zum Abschluss vollführen sie einen Kreistanz, besser gesagt Kreisflug, in dem fast nur rote Fahnen zu sehen sind. Fliegende Toreros – fliegende Stiertücher.
Camancho (Damiano Pettenella), der trottelige Galan, trägt ein weißes Kostüm – über und über mit glitzernden Steinen besetzt – als Zeichen seines Reichtums. Unter seinem ausladendem Hut mit schwungvoller Feder ist eine Lockenperücke befestigt, die meistens seinen spärlichen Haarwuchs verdeckt. Camancho benutzt sein Schnäuztüchlein als Waffe, mit dem er ungezogene Lümmel betupft. Sein tollpatschiges Zurückstolpern wird glücklicherweise von einem bereitstehenden Tänzer aufgefangen, der sich dafür, statt eines Dankes, einen verärgerten Stupfer mit dem Tüchlein einfängt. Camancho wollte ursprünglich Kitri (Elisa Badanes) heiraten, wird aber inzwischen von einer edel zerlumpten Zigeunerin mit Mutterkomplex getröstet, deren Hand er immer wieder tätschelt. Ein köstliches Paar.
Prachtvolle Hochzeit mit Flamencotänzerinnen in taillierten, weinroten Samtkleidern. Die rosa Keile in den Nähten öffnen sich bei jeder Drehung zu tellerförmigen Diskusscheiben. Als Pendant stehen dahinter die Tänzer mit engen, weinroten Kostümen, mit goldenen Posamenten bestickte Boleros. Ihren temperamentvollen Flamenco tanzen sie mit Hackenschuhen, Augenaufschlag und Blick über die Schulter.
Ein bisschen Kitsch darf/muss sein. Don Quijote (Nikolay Gudonov) und Sancho Panso (Arman Zazyan) wandern direkt in die immer heller (Licht Olli-Pekka Koivunen) werdende, strahlend aufgehende Sonne hinein, bis sie nur noch als schwarze Silhouetten zu sehen sind – hachch.
Don Quijote träumt, seine Muse träumt mit. Elegant und feinfühlig, Dulcinea (Myriam Simon), gekleidet wie eine Bauchtänzerin aus 1001 Nacht. Klar und flexibel gestaltet Ramon B.Ivars die Bühne hinter dem erwachenden Dichter Cervantes (Nikolay Gudonov); als einen riesigen Holzkäfig, an dem außen Buchstaben kleben. Heraus kommen Tänzerinnen, andere öffnen die vier Seiten, stellen die Wände in verschiedenen Formationen auf. Sie drehen sie sogar auf der Bühne als Windmühlenflügel, die Don Quijotemit seiner Lanze bekämpft. Am Ende stehen die vier Käfigelemente nebeneinander. Die Buchstaben ergeben den Titel des Buches.
Wenn die Musik nicht schon 1869 entstanden wäre, könnte man sie als Filmmusik bezeichnen. Das hat den Vorteil, dass sich die Zuschauer total auf das Ballett konzentrieren können. Mit anderen Worten: Dieses Ballett ist ein Augenschmaus für Sehleute, mit seinen sonnigen Bildern sogar gut gegen Lichthunger in der dunklen Jahreszeit. Nicht zur ungesunden Höhensonne, nein, ab ins Ballett.
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Don Quijote – Der Träumer von La Mancha
Ballett in einem Prolog und drei Akten nach dem Roman von Miguel de Cervantes
Stuttgarter Ballett
Choreographie und Inszenierung | Maximiliano Guerra
Musik | Ludwig Minkus u.a.
Bühnenbild und Kostüme | Ramon B. Ivars
Lichtdesign | Olli-Pekka Koivunen
Musikalische Leitung | James Tuggle
Staatsorchester Stuttgart
Besetzung
Kitri | Elisa Badenes
Basilio | Daniel Camargo


