3x „Judith“ nebeneinander – Vivaldi, Wittershagen, Hebbel, Tismer
17. Dezember 2009 | Von Dorle Knapp-Klatsch | Kategorie: Bühne: Oper / Ballett / Schauspiel, Frauenkultur, Inszenierung, Judith, Judith, Opernhandlung, Z bis A„Judith“
im Staatstheater Stuttgart
Die Geschichte ist schnell erzählt. Der assyrische Feldherr Holofernes belagert Betulia und gräbt den Einwohnern das Wasser ab, weil sie sich ihm nicht freiwillig(!) unterwerfen. Als das Volk schon kurz vor dem Verdursten ist, sucht Judith, eine bis dahin unbescholtene Witwe, Holofernes auf und gaukelt ihm vor, ihr Volk zu verraten. Sie bündelt ihre weiblichen Reize, verführt ihn und macht den Schlafenden mit seinem eigenen Schwert um einen Kopf kürzer.
Was bei männlichen Tätern kaum zu Irritationen führt, beschäftigt Maler, Komponisten, Dramatiker, Wissenschaftler seit über 2000 Jahren.
Das Staatstheater Stuttgart präsentiert eine Collage – 3x Judith nebeneinander – der Komponisten Antonio Vivaldi und Lars Wittershagen, des Dramatikers Friedrich Hebbel und der Performance-Künstlerin Anne Tismer.
Das Erfreuliche in dieser Inszenierung sind die musikalischen Zwischenspiele.
Hervorragend, sowohl von der Komposition als auch von der Interpretation, der synchrone Sprechgesang (Texte aus dem biblischen “Buch Judit”), komponiert von Lars Wittershagen, rhythmisch exakt gesungen und gesprochen von Tibor Brouwer, Christopher Kaplan, Silke Gäng, Angelika Lenter. Klar intoniert, treibt der Chor die Handlung weiter.
Der Countertenor Daniel Gloger kommt hereingerollt, dreht sich wie ein tanzender Derwisch, kommentiert das Geschehen mal mit kräftiger, mal mit leiser Stimme aus dem Hintergrund. Schwarz von Kopf bis Fuss; ab der Hüfte breitet sich ein riesiger Drei-Meter-Durchmesser-Reifrock (Kostüme und Bühnenbild Muriel Gerstner) aus, unter dem sich bis zu vier Personen verstecken können. Holofernes wird mit klarem Bassbariton gesungen von Matias Tosi, der hier keinen alten Mann markieren muss (wie den Erzieher in Le Comts Ory) und damit endlich auch einmal als Figur glaubwürdig wirkt. Gradlinig singt Nadja Stefanoff die Partie der Judith aus Vivaldis Festmusik „Juditha triumphans” von 1716.
Das sichtbare Orchester il Gusto Barocco unter der Leitung von Lutz Rademacher verblüfft mit typischen Barockinstrumenten wie Laute und Blockflöte.
Schauspieler und Texte
Holofernes Sebastian Kowski und seine Sodaten Jonas Fürstenau, Dino Scandariato, Sebastian Röhrle werden hier von primitiv bis gewalttätig und vergewaltgungsfreudig dargestellt. Sie hinterlassen den gewollt unsympathischen Eindruck. Stephanie Schönfeld interpretiert die Judith einfühlsam mit Hebbels Text.
Kann ich die Vivaldi-Judith und die Hebbel-Judith noch nachvollziehen, muss ich bei der zeitgenössischen Judith passen. Das liegt hauptsächlich am Text von Anne Tisme. Die Judith der Jetztzeit stammt aus dem Drogenmilieu mit entsprechender Ausdrucksweise.
So etwas Ähnliches habe ich vor einiger Zeit in diesem Hause schon einmal (wenn auch nur bis zur Pause) gesehen, nämlich EOS. Mein Tipp an alle Autoren, die nach Höherem streben: Ein Text wird anscheinend dann staatstheaterwürdig, wenn möglichst häufig das Wort „Ficken“ darin vorkommt. Darauf wird in der Verführungsszene besonderer Wert gelegt, sowohl in Wort als auch in Tat. Es wundert mich nur, dass Anne Tisme durch ihr Gebrülle und Gekreische nicht heiser geworden ist.
Nach der Pause
sind die Stuhlreihen deutlich gelichtet. Versäumt haben diese Flüchtlinge den pfiffigen Einfall mit den Gemälden. In einer Art Guckkasten über der Bühne stellen die Hauptpersonen die verschiedenen Bilder nach, die sich Maler aus zwei Jahrtausenden zu diesem Thema ausgedacht haben.
Judith
Koproduktion der Staatsoper Stuttgart und des Schauspiel Stuttgart mit den Salzburger Festspielen 2009
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Musikalische Leitung Lutz Rademacher, Jörg Halubek
Regie Sebastian Nübling
Komposition Lars Wittershagen
Bühne und Kostüme Muriel Gerstner
Licht Gérard Cleven
Dramaturgie Kekke Schmidt, Xavier Zuber
Besetzung
Jonas Fürstenau, Daniel Gloger, Sebastian Kowski,
Nadja Stefanoff, Sebastian Röhrle, Dino Scandariato, Stephanie Schönfeld, Nadja Stefanoff, Anne Tismer, Matias Tosi sowie Tibor Brouwer, Christopher Kaplan, Silke Gäng, Angelika Lenter und dem Orchester il Gusto Barocco
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Wer hätte gedacht, dass es es in der heutigen Zeit noch so verklemmte Menschen gibt. Diese Sprachfetzen, welche Anne Tismer als ihr geistiges Eigentum beansprucht, bekommt jeder zu hören, der durch den Stuttgarter Schloßpark geht.
Selbst wenn die schwarz gewandeten und sicherheitsnadelgepieksten jungen Leute im Stuttgarter Schlosspark, um die ich immer einen Bogen mache, ein derartiges Sozialverhalten an den Tag legen, wie in diesem Stück beschrieben, möchte auch ich das nicht noch einmal im Theater hören und sehen. Hier handelt es sich wohl auch nicht um eine Gruppe, die unsere Zeit repräsentiert. Diese Leute hat es immer gegeben. Zu meiner Zeit nannte man sie Gammler. Wenn meine Jugend in irgendeine Zeit eingeordnet werden sollte, dann möchte ich nicht sie nicht in der Zeit der Gammler wissen. Für uns waren das Randerscheinungen.
Kunst spiegelt unsere Zeit wieder, ob wir wollen, oder nicht. Und Sie stimmen mir wahrscheinlich voll zu, wenn Sie über die brutalität und Verrohung in der Zeitung lesen. Uns wird lediglich ein Spiegel vorgehalten.
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