☛ Raumwelten Gegensätze: Analog gegen Virtual Reality (VR)

Plattform für Szenografie, Architektur und Medien

Was genau ist Virtual Reality, kurz VR, und was ist der Unterschied dazu – nämlich analoge Wirklichkeit? Ein Selbstversuch in „Raumwelten 2018 – von Sinnen“, Kongress der Szenographen, Architekten, Designer.

Die virtual (ähnliche) Reality (Wirklichkeit) ist vergleichbar mit einem Wachtraum.

Ich sehe alles dreidimensional vor mir, aber ich kann es weder greifen noch fühlen. Alles ist möglich. Es treffen Personen zusammen, die zu unterschiedlichen Zeiten gelebt haben. Ich bewege mich durch einen Wald, ohne das Moos an den Füßen zu spüren oder den Tannenduft einzuatmen.
Fans von Computerspielen kennen und lieben die Scheinwelt. Die Spieler setzen sich eine VR-Brille auf und schon geht es los. In meinem Fall sause ich mit einem Ballon in die Luft – ein Beitrag von Marie Lienhard.

Die 360-Grad-Kamera sieht alles.

Frau mit VR-Brille

Angebracht unterhalb des Ballons ist eine 360-Grad-Kamera, vergleichbar mit einem Insektenauge. Die Außenfläche einer Kugel ist bestückt mit Kameras, die mit Bild und Ton alles aufzeichnen, was oben, unten, rechts und links passiert. Mit einem Knall werde ich hochgeschossen und hebe in Sekundenschnelle ab. Tatsächlich, ich schwebe in der Luft, ohne das Fahrstuhlgefühl, das mir manchmal den Mageninhalt ansteigen lässt. Hebe ich den Kopf, sehe ich den Ballon über mir. Rechts und links im Rundumblick werden die Häuser immer kleiner. Weiter entfernt liegende Ortschaften; Berge und Flüsse erkenne ich. Den Blick nach unten wage ich erst, nachdem ich mich – mit Füßetrappeln auf dem Holzboden – vergewissert habe, dass ich mich in der Wirklichkeit am Boden befinde. Vor meinen Augen geht es steil in die Tiefe. Zwischen mir und dem Erdboden ist nichts außer Luft. Und siehe da, von Höhenangst ist nicht zu spüren. Nicht einmal, als der Ballon platzt und ich in rasender Geschwindigkeit in die Tiefe stürze. Zur Sicherheit halte ich mich mit den Händen am Stuhl fest und malträtiere den Boden mit meinen Schuhen. Das unterscheidet die Virtual Reality angenehm vom Alptraum.

Kaum habe ich die Brille abgenommen, befinde ich mich in der analogen Wirklichkeit. Im Innenkörper der Lichtwolke. Ich verlasse die Lichtwolke durch die Schwingtür.

Analog – Wärme, Kälte, blaue Flecken.

Bei dem Weg aus der Lichtwolke wärmt mich die Außenwand aufheizende Sonne. Der Weg nach außen führt durch eine rote Drehtür. Jede Tür am Drehkreuz hat auf Augenhöhe einen Pfeil, der genau auf einen Punkt im Türrahmen trifft. Um den genauen Punkt im Türrahmen zu treffen, muss ich den Schwung etwas zurücknehmen – passt! Sonst kann es vorkommen, dass der nächste Passant ganz in Gedanken in die offenstehende Türkante rummst. Das gibt erst einmal Kopfschmerzen, die nachhallen. War der Knall etwas heftiger, kann es zu einem blauen Auge führen. Beides lässt sich mit „Brille abnehmen“ nicht aus der Welt schaffen.

Analog – wirklich, direkt, zum Anfassen, Riechen und Schmecken.

Mario Ohno am Grill

Draußen – in der Kälte – steigt mir Rauch in die Nase, in Kombination von Grillwurstaroma. Schon wieder sehe ich ROT. Ein Feuerwehrauto steht im Akademiehof. Wie praktisch, denke ich erst einmal. Bei näherem Hinsehen bemerke ich, dass der Künstlerkoch Mario Ohno seine rote „Bertha“ entkernt und zu einer funktionierenden Küche ausgebaut hat. Auf dem Grill brutzelt er Würste, die er vergoldet und mit selbst gemachtem Senf serviert. Seine blaue Farbe erhält der Senf durch die fruchtigen Blaubeeren (Heidelbeeren, Bickbeern), die nötige Säure durch Essig, und neutralisiert wird die Mischung mit Honig. Die Zunge findet die einzelnen Zutaten heraus. Angenehm liegt die heiße Wurst zwischen den kalten Fingern, obwohl das Fett daran klebt – na ja, das gehört dazu.

Unterschied zwischen Virtual Reality und analoger Wirklichkeit

Currywurst mit Blaubeersenf auf dem Pappteller

 

Mit Hilfe einer 360-Grad-Kamera ließe sich dieses Szenario aufnehmen und als Virtual Reality durch eine Brille anschauen. Rauch in den Augen, Wurstaromen in der Nase, das Stehen dicht an dicht in der Warteschlange, Balancieren der Teller, der Knack mit Fettspritzer beim Reinbeißen und den Geschmack von Currywurst in Kombination mit Blaubeersenf gibt es nur in der analogen Welt.
Der Gang durch die Drehtür wäre eine Wonne mit Virtual Reality. Beim Knall gegen die Türkante sehe ich Sternchen. Eine Beule wächst auf meiner Stirn, das Auge färbt sich von Gelb über Grün und Violett hin zum Blau – in Sekundenschnelle.
Den Schmerz spüre ich nur in der analogen Welt, wie auch den Lufthauch beim Drehen der Tür.
Welche Wirklichkeit ist besser?

Weiterführende Informationen

Diese Eindrücke formten sich in #raumwelten – Plattform für Szenografie, Architektur und Medien
Kongressmotto in Ludwigsburg am 15. und 16. November 2018 → „Von Sinnen!“