♫ Inhalt / Handlung: Draußen vor der Tür – Oper von Xaver Paul Thoma

Nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft kommt ein Soldat nach Hause. In seinem Bett liegt ein Fremder, seine Frau schickt ihn fort. Egal, wohin und zu wem er geht – kurz darauf steht er wieder draußen vor der Tür.

Ein Mensch bewegt sich im Hintergrund. Man sieht ihn dunkel gegen das Abendlicht. Vorn steht ein dicker Mann, ein Beerdigungsunternehmer, der seine Bewegungen kommentiert, während er in einer Tour rülpst.
Er sieht, wie der Unbekannte im Hintergrund am Wasser entlang läuft und plötzlich verschwunden ist. Das ist für ihn nicht schlimm, denn das passiert ständig. Ein Alter Mann nähert sich. Er weint um seine Kinder. Es ist der Gott, an den keiner mehr glaubt, weil er das Leiden nicht verhindern kann. In dem Beerdigungsunternehmer erkennt er den Tod wieder, der einst sehr schlank war. Der Tod hat sich in dem Jahrhundert einfach überfressen. Deshalb das unappetitliche Rülpsen. Ja, er hat sich überfressen, und es werden immer mehr Tote, die er verdauen muss.

Die Elbe

Beckmann trifft auf den Anderen, der immer da ist, wenn ihn keiner braucht; der immer das Gegenteil von ihm ist. Beckmann will sterben; da verwickelt ihn der Andere in ein Gespräch. Beckmann erzählt ihm, dass er aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist. Er ist heimatlos. In seinem Bett liegt ein fremder Mann, seine Frau will ihn nicht mehr sehen. Sein kleiner Sohn wurde vom Schutt begraben. Er ist auf der Straße und sieht keinen Sinn im Leben. Deshalb will er in die Elbe gehen. Aber die Elbe will ihn nicht haben und hat ihn ausgespuckt.
Die Elbe ist lebendig. Sie besteht aus sechs Frauenstimmen, die die gehörten Wortfetzen wiedergeben: „Ewigkeit“ „tot sein“ „ich will“, „ich kann nicht mehr“, „ich will tot sein“.
Ein Mädchen kommt entlang und spricht ihn an. Sie hat schon befürchtet, einen Toten zu sehen. Aus Mitleid nimmt sie ihn mit zu sich nach Hause, denn er ist noch nass vom Sturz in die Elbe. Sie hilft ihm und sie gehen wie „zwei uralte steinalte nasskalte Fische“.
Gerade sind die beiden weg, amüsiert sich der Andere über die Zweibeiner, die sterben wollen. Kaum kommt ein anderer Zweibeiner mit langen Locken und Busen, wollen sie wieder leben.

Das Mädchen

Das Mädchen gibt Beckmann Hose und Jacke, die viel zu groß für ihn sind. Sie sind von ihrem Mann, der bei Stalingrad vermisst wurde. Außerdem nimmt sie ihm seine Gasmaskenbrille ab. Jetzt kann er kaum noch etwas klar sehen, aber er spürt hinter der Frau einen Riesen, der auf ihn zukommt. Er hört sein Holzbein – teck-tok, teck-tok. Der Riese kommt auf ihn zu und fragt ihn: „Was machst du hier? An meinem Platz, bei meiner Frau, in meinem Zeug?“
Beckmann rennt panisch nach draußen. Zurück bleibt das verängstigte Mädchen. Draußen trifft er wieder den Anderen. Ihm berichtet er, dass er gerade vor dem Obergefreiten Bauer – für dessen Tod er mitverantwortlich war – weglief.

Herr Oberst und Familie

Beckmann tritt unaufgefordert in die Wohnung und wünscht guten Appetit. Hier sitzen der Oberst, seine Gattin, seine Tochter und sein Schwiegersohn um den reichlich gedeckten Tisch. Im Zimmer ist es warm. Die Familie ist verärgert über den unansehnlichen Fremdkörper, der sie beim Essen stört. Beckmann verkündet, dass er nur herein gekommen ist, um die Wärme zu spüren, und um vielleicht etwas zu essen. Frau Oberst und ihre Tochter haben Angst vor ihm. Der Oberst versucht, ihn in einem Gespräch abzulenken. Er fragt, ob und was Beckmann ausgefressen, oder ob er gesessen hat. „Jawoll, Herr Oberst, ich bin eingestiegen in Stalingrad. Drei Jahre saßen wir mit 100.000 Mann fest, während der Oberst Kaviar aß.“
Der Oberst versucht ihn bei seiner deutschen Ehre zu packen. Er möge bei der deutschen Wahrheit zu bleiben, denn so ein bisschen Krieg könne doch einem deutschen Soldaten nicht den Verstand rauben.
Dauernd unterbrochen von Frau, Tochter und Schwiegersohn zählt Beckmann auf, was er Tag und Nacht durchlebt. Er kann nicht schlafen, obwohl er hundemüde ist. In seinem Wachtraum sieht er einen Musiker, der auf einem Xylophon aus Knochen spielt. Statt Arme hat er Granatenstiele und spielt auf Rippen, Schädelknochen, Beckenknochen; Fingerknöchel und Zähne für die hohen Töne. Mit dem Spiel von Militärmärschen lockt er die Toten aus den Massengräbern.
Dem Oberst wird es zu bunt und er fragt Beckmann, was er von ihm wolle. Beckmann will ihm lediglich die Verantwortung zurückgeben, um endlich wieder schlafen zu können. Er hat sie immer noch und kann sie nicht ertragen. „Heimlicher Pazifist, was?“ Der Oberst fängt an zu lachen und reißt die ganze Familie mit, die den ganzen Spuk hinweglacht.
Beckmann ergreift ob dieser Reaktion die Flucht, nimmt aber vom Tisch noch trockenes Brot und Rum mit. Darüber wundert sich die Familie, denn sie haben genug wertvolle Sachen im Haus, die er nicht beachtet hat. „Was will er mit dem Brot?“

Wieder auf der Straße, berichtet Beckmann dem Anderen vom Lachanfall der Oberstfamilie. Der sieht darin eine neue Chance und schickt ihn zum Kabarettdirektor zum Vorsprechen.

Der Kabarettdirektor

Beckmann singt ihm das traurige Lied von der Soldatenbraut vor, was der Direktor überhaupt nicht lustig findet. Wahrheit hat mit Kunst nichts zu tun. Das wollen die Leute nicht sehen. Sie sehnen sich nach Romantik und Leichtigkeit. Er soll erst reifen und dann wiederkommen.
Wieder auf der Straße, zeigt ihm der Andere den Weg zu seiner elterlichen Wohnung.

Frau Kramer

Es hängt ein anderer Name an der Wohnungstür – nicht Beckmann, sondern Kramer. Er klingelt und heraus kommt die derbe Frau Kramer. Sie erzählt ihm, dass seine Eltern eines Morgens tot in der Küche lagen. Frau Kramers taktloser Kommentar: „Von dem Gas hätten wir einen ganzen Monat kochen können!“ Nach Beckmanns Reaktion schlägt sie schnell die Tür zu und verschwindet.
Beckmann ist entsetzt. Er hält das Leben nicht mehr aus. Im Traum trifft er auf den Gott, an den keiner mehr glaubt. Der Tod reinigt mit seinem Besen den Rinnstein und spielt Xylophon. Beide verschwinden.
Die Bühne wird dunkler, bis das Licht verlischt. Beckmann stellt Fragen wie: „Habe ich denn kein Recht auf einen Selbstmord?“ Als letzte Fragen in sämtlichen Variationen: „Gibt hier keiner eine Antwort?“

Draußen vor der Tür – Kammeroper von Xaver Paul Thoma (1953*)

Musik und Libretto von Xaver Paul Thoma nach dem Drama von Wolfgang Borchert. Die Auftragskomposition der Niedersächsischen Staatsoper wurde am 30. Januar 1994 in Hannover uraufgeführt. Die Handlung spielt 1948 in Hamburg nach dem 2. Weltkrieg.
In Erinnerung bleibt der Schluss in der Uraufführung. Die Lichter gehen aus, Beckmanns Rufe verstummen, der letzte Ton des Orchesters verhallt. Minutenlange Stille bis zum ersten zaghaften Händeklatschen. Beeindruckend.

Personen und ihre Stimmen:
Beckmann (hoher Bariton); Der Andere (Bass); Mädchen (Sopran); Oberst (tiefer Bariton); Frau Oberst, Mutter (Mezzo-Sopran); Tochter (Koloratur-Sopran); Schwiegersohn (heller Tenor); Kabarett-Direktor (Lyrischer Tenor); Frau Kramer (Alt); Der Alte Mann, Gott (Lyrischer Bass); Die Elbe (6 Frauenstimmen)
Einbeiniger; Straßenfeger; Beerdigungsunternehmer (Sprechrollen)

Xaver Paul Thoma