Dostojewski – Zurück zum Anbruch der Moderne

 Dostojewski – Zurück zum Anbruch der Moderne


Wie kein anderer Autor verstand es der russische Schriftsteller Dostojewski, die Philosophie gekonnt mit der Kriminalistik und der Psychologie zu vereinen. Er lebte in der Morgendämmerung der Moderne, als die Menschen neue Orientierung suchten, weil viele altbekannte Wahrheiten an Bedeutung verloren hatten: Mit der Aufklärung war Relevanz und Einfluss der Kirchen geschrumpft, die historischen Gesellschaftsstrukturen des russischen Kaiserreichs zerfielen oder wurden stark in Zweifel gezogen, und auch die Ethik stand auf eher tönernen Füßen. Seine Romane spiegeln das komplizierte Seelenleben des modernen Menschen wieder.

»Woher kommt es, dass gerade der gute Mensch im Unglück einherwandelt?«

Eine zentrale Frage warf Fjodor Michailowitsch Dostojewski, so sein vollständiger Name, gleich zu Anfang seiner literarischen Schaffenszeit auf: »Woher kommt es, dass gerade der gute Mensch im Unglück einherwandelt?«. Wörtlich steht diese Formulierung in seinem ersten Roman »Arme Leute«, den er im April 1844 begann und im März 1845 zu Ende brachte. Das Frühwerk besaß die äußere Form eines Briefromans und erschien 1846 in der Zeitschrift »Petersburger Anthologie«, als der Autor gerade einmal 24 Jahre alt war. Nie zuvor hatte ein russischer Literat es gewagt, sich mit dem Elend armer Menschen zu beschäftigen und ihre Gefühle detailliert zu porträtieren: In den höheren Kreisen der russischen Intelligenzija stieß dieses Werk auf äußerst positive Resonanz, doch die Bewunderung hielt nicht lange an.

 

Todesurteil, Arbeitslager und Zwangsdienst beim Militär

Nachdem Dostojewski einige kleinere Novellen und Prosastücke zu Papier gebracht hatte, kam es zur Verhaftung als vermeintlicher Staatsfeind. Das Todesurteil folgte, doch dieses gelangte nicht zur Ausführung, sondern der 28-Jährige wurde in ein sibirisches Arbeitslager verbannt. Das grausame Gefängnis konnte er nach vier finsteren Jahren in Ketten wieder verlassen, seine Revolutionsideen waren bis dahin versiegt, er wandte sich dem christlichen Sozialismus zu. Es folgte ein Zwangsdienst beim Militär und eine erschreckende Diagnose: Der junge Mann litt unter Epilepsie. Erst als er 1859 nicht nur seine Bürgerrechte zurückerhalten hatte, sondern auch aus dem Militärdienst entlassen war, begann er wieder zu schreiben. Zum Glück, denn die folgenden Werke erlangten ganz zu Recht weltweiten Ruhm!

 

Dramatische Feuilletonromane mit komplexem Unterbau

Feuilletonromane mit kurzem Spannungsbogen, diese literarische Form wurde zu Dostojewskis Steckenpferd. Trotz aller Vielschichtigkeit sind seine Werke leicht zu lesen, sie sparen nicht an Dramatik und Emotionalität. Nicht ohne Grund gibt es jedes seiner Bücher heute in über 170 Sprachen zu lesen, nicht nur Philosophen und Psychologen haben ihre Freude daran, sondern auch weniger intellektuelle Leser, die einfach eine kurzweilige Geschichte mit Tiefgang erfahren möchten.

»Schuld und Sühne« stellt wahrscheinlich das bekannteste Werk des russischen Ausnahmetalents dar, es wurde 1867 zum ersten Mal in Buchform publiziert. Der in Armut lebende Student Rodion Raskolnikow plant, eine Pflandleiherin zu berauben und ermordet dabei die Frau und ihre Schwester. Sein innerer Zwiespalt, seine Ängste und schließlich auch seine Wahnvorstellungen ziehen den Leser in den Bann: Gelingt es der Prostituierten Sonja, ihn dazu bringen, sich der Polizei zu stellen und damit die Seelenqualen zu beenden?

Während Dostojewski noch an »Schuld und Sühne« schrieb, begann er bereits seinen nächsten Roman, »Der Spieler«. Wieder ging es um einen jungen Mann, wieder um einen hässlichen inneren Konflikt mit vielen schmerzlichen Symptomen. Dostojewski war selbst in den Genuss gekommen, die neue Freiheit testen zu dürfen, ganz legal an Glücksspielen teilzunehmen. In einem der ältesten deutschen Casinos, der Spielbank Baden-Baden, hatte der Autor sich auf die Jagd nach dem Glück begeben: In Zeiten des orts- und zeitunabhängigen E-Gamings, bei dem zum gepflegten Casino-Spiel nicht mal mehr das Haus verlassen werden muss, scheint es schwer verständlich, wie außergewöhnlich dieses Erlebnis gewesen sein muss; andernorts hätte diese Betätigung schwere Strafen nach sich gezogen. Der Protagonist des bekannten Werks jedenfalls gibt sich seiner Leidenschaft zu sehr hin und verliert nicht nur all seinen Besitz, sondern auch seine große Liebe. Dass Dostojewski aufgrund von großem Zeitdruck – und Geldnot! – diesen Roman innerhalb von nur 26 Tagen einer Stenotypistin diktierte, ist bereits Legende. Im Gegensatz zu seiner Hauptfigur heiratete der Schriftsteller Jahre später die Frau seines Lebens: ausgerechnet jene Stenotypistin, die sein Manuskript zu Papier gebracht hat.

 

»Der großartigste Roman, der je geschrieben wurde.«

Diese beiden großen Werke, »Schuld und Sühne« sowie »Der Spieler« stehen stellvertretend für die gesamte Romansammlung, die sich durch hochkomplexe Bezüge zu anderen wichtigen literarischen Werken auszeichnet. Obwohl der Leser Dostojewskis Schriften auch ganz oberflächlich genießen kann, arbeitete der Autor stets mit hohem Tiefgang und einer Unzahl von Querbezügen und Assoziationen. Das macht dieses ungewöhnliche Lebenswerk derart außergewöhnlich und interessant, sodass auch heute noch literarische Fachleute in Entzücken geraten. In seiner späten Schaffensphase scharten sich einflussreiche Persönlichkeiten um den Ausnahmeautor wie zum Beispiel Fürst Wladimir Meschtscherski. Dostojewskis letzten und umfangreichsten Roman, »Die Brüder Karamasow«, bezeichnete Sigmund Freud gar als den „den großartigsten Roman, der je geschrieben wurde“.

Den Grabstein des großen russischen Schriftstellers ziert eine Inschrift aus dem Neuen Testament: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Dostojewskis Früchte lassen sich noch heute ernten, sie sind, obwohl düster und gespickt mit menschlichen Untiefen, äußerst schmackhaft!

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