☛ Museumstipp: „Ur. Die Wurzeln Flanderns“ – Szenen einer Rückbesinnung

Im Kulturzentrum Caermersklooster in Gent/Belgien

Belgische Künstler besinnen sich auf ihre Wurzeln. Die Ausstellung im Caermersklooster zeigt die Zeit der Industrialisierung ab 1880, den Wendepunkt des 1. Weltkriegs bis zur Welt-Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren.

Mit einem gutbürgerlich eingerichteten Salon um 1900 beginnt die Ausstellung.

Szenografie: „The bourgeois city“ in der Ausstellung „Ur. Die Wurzeln Flanderns“ im Caermersklooster in Gent/Belgien | Luk Monsaert Photography

Auf dem Gemälde sitzen der Patriarch mit Gattin. Die Enkel kommen zur Gratulation – fein angezogen mit weißen Spitzenkleidchen, die Haare mit Schleifen frisiert. Hinter ihnen stehen die stolzen Eltern, die die Zeremonie überwachen. Ein in sich ruhendes Bild. Die Familienmitglieder wissen um ihren Wert und fühlen sich geborgen in ihrem Umfeld.

Die Ausstellung endet mit einer Kirmesdekoration um 1930.

Szenografie: „Emile Claus, an odeto Flanders“ in der Ausstellung „Ur. Die Wurzeln Flanderns“ im Caermersklooster in Gent/Belgien | Luk MonsaertPhotography

In der Mitte ein Karussell mit Holzpferd. Fröhliche Farben. Vergnügen fürs Volk. Die Bilder an der Wand zeigen etwas anderes. Frauen, die sich in der Not prostituieren. Ihre Scham, Demütigung, Verzweiflung ist ihnen ins Gesicht geschrieben.

Dazwischen Kabinette – grellbunt bis zartfarben – von blühenden Bäumen bis Maleratelier.

Szenografie: „Tytgat, the rascal“ in der Ausstellung „Ur. Die Wurzeln Flanderns“ im Caermersklooster in Gent/Belgien | Luk Monsaert Photography

Nicht nur mit den Bildern an den Wänden, auch akustisch stimmen die Rauminszenierungen die Besucher auf die Bilder ein. Im Salon tickt eine Uhr, Vogelgezwitscher in der Natur.

Im Caermersklooster sind Künstler vertreten, denen zur Zeit große Ausstellungen gewidmet sind.
MuZee: Ensor und Spilliaert, zwei Maler aus Ostende
Rik Wouters – Ausstellung für den Alleskönner im KMSKB

Maler besinnen sich auf ihren Urmeister Pieter Breugel, setzen ihn in ihre Bildsprache um.

Valerius De Saedeleer, Large Winter View with Farm, c. 1926 | Oil on canvas, 130 x 125 cm | Courtesy Galerij Oscar De Vos

Valerius De Saedeleer ist mit Bildern vertreten, bei denen feinfühlige Besucher ihre Hände auf dem Rücken verschränken müssen. Er malt großflächige Landschaften mit Bauernhaus, ähnlich wie Breugel. Aber er lässt die Farbe nicht gespachtelt oder aufgetragen mit sichtbaren Pinselstrichen. Er poliert seine Farben. Das macht die Bilder einerseits unnatürlich glatt. Andererseits kommen Lichteffekte und Übergänge voll zur Geltung. Das reizt zum Drüberstreichen.

Hubert Malfait, Woman on a Bicycle, 1927 | Oil on canvas, 120 x 82 cm | The Phoebus Foundation | © SABAM BELGIUM 2017

Die lebensgroße Radfahrerein von Hubert Malfait von 1927 kommt direkt auf den Betrachter zu. Fröhlich sieht sie nicht aus – ein Sprung zur Seite ist die erste Reaktion. Eine Frau – sprichwörtlich mit Ecken und Kanten.

UR – Die Wurzeln Flanderns  im  Caermerskloster, Gent, Belgien, vom 15. März – 6. August 2017

 

Ein Besuch in Belgien lohnt in mehrfacher Hinsicht – 6 Ausstellungen in 2 Tagen.

Beginnend im KMSKB mit Rik Wouters – Ausstellung für den Alleskönner.
Dann gestärkt in die Ausstellungen Pol Bury – Meister der langsamen Bewegung und Yves Klein – groß als Provokateur.
Mit dem Zug geht es weiter nach Ostende. Im MuZee bietet sich am nächsten Morgen die Gelegenheit, gleich zwei Ausstellungen zu besichtigen: Frans Masereel – Widerstand in Bildern und Ensor und Spilliaert, zwei Maler aus Ostende.
Die Zugfahrt nach Gent endet in dem schönen Jugendstilbahnhof. Ein paar Schritte weiter schließt die Clementinenstraße mit vollkommen erhaltenen Jugendstilhäusern an. Anschließend die Führung durch das Caermersklooster „Ur. Die Wurzeln Flanderns“ – Szenen einer Rückbesinnung. Diese Ausstellung bildet den Abschluss einer Pressereise, organisiert von benedeluxe.eu.
Ein nachahmenswerter Streifzug durch belgische Museen – Genuss pur.

 

Kunstausstellung:

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