Eines haben sie gemeinsam – ein überraschendes Ende. Ansonsten sind die drei Geschichten – gelesen von Matthias Ponnier – vollkommen unterschiedlich.
Ein Schriftsteller flieht aus Liebeskummer von Paris nach Ostende, wo er sich per Katalog eine Wohnung gemietet hat. Seine Vermieterin stellt sich als eine gebrechliche alte Dame im Rollstuhl heraus, die von ihrer unkultivierten Nichte Emma versorgt wird. Die alte Dame ist zwar körperlich ein Wrack, geistig aber umso reger. Die Bücher ihrer umfassenden Bibliothek hat sie alle mindestens einmal gelesen. Eines Tages erzählt sie dem Dichter ihre Liebesgeschichte, die sie im Alter von dreiundzwanzig Jahren erlebte. Sie zeigt ihm ihre Aufzeichnungen aus der Zeit – pure erotische Poesie, wie sie wohl selten zu hören und lesen ist. (Schon allein dafür lohnt sich diese CD). Auch ihr Liebhaber war nicht irgendwer, sondern ein echter Prinz aus einem europäischen Königshaus. Emma klärt den Schriftsteller später darüber auf, dass ihre Tante zu dieser Zeit schon unheilbar krank war. Sie bekam damals ihren ersten Rollstuhl und konnte sich plötzlich draußen allein bewegen. Als er die alte Dame damit konfrontierte, bekommt sie einen Herzinfarkt und stirbt. Wie sie es testamentarisch verfügt, wird ihr Tod in den Tageszeitungen von England, Belgien, Holland, Schweden und Spanien angezeigt.
Kurz bevor ihr Sarg abgeholt wird, klingelt es an der Tür. Was der Bote zu überbringen hat, verblüfft alle Anwesenden.
Gabrielle stößt ihren ungeliebten Mann während einer Alpenwanderung in den Abgrund. Dreißig Jahre waren sie verheiratet, davon siebenundzwanzig Jahre glücklich. Seit drei Jahren hat sie ihn in Verdacht, dass er sie betrügt. Sie sieht nur noch die negativen Seiten in seinen Gesten und Worten, egal, was er macht. Nach der Tat mimt sie die trauernde Witwe und genießt es, von allen bedauert zu werden.
Dann wird sie doch noch angeklagt, denn ein Hirte sah den Mord. Nach zweieinhalb Jahren in einsamer Untersuchungshaft sieht sie nur noch das Positive in ihrer Ehe. Erst am letzten Prozesstag klären sich die Fakten.
Der Lehrer Maurice – ein kleiner, hässlicher, alter Junggeselle – liest viel, aber nur Fachliteratur. Romane mag er nicht, da sie nichts als Fantasie beinhalten. Er liebt belegbare Fakten. Ansonsten liebt er einen einzigen Menschen, mit dem er sogar seine Ferien verbringt, seine Cousine. Sie ist ebenso hässlich wie er, dafür aber groß, dick und von einfacher Intelligenz. Mehr aus Langeweile als Interesse liest er sich in einem ihrer Agentinnenromane fest und identifiziert sich bald mit den Figuren. Als er nachts aufwacht, sieht er sogar einen dicken Koloss mit kahlem Schädel durch das Ferienhaus streifen. Panik ergreift ihn. Er zweifelt an seinem Verstand. Ganz zum Schluss, wenn die Hörer schon ihre eigenen Theorien aufgestellt und wieder verworfen haben, kommt die Wahrheit ans Licht.
Diese drei Geschichten haben nichts mit Krimis zu tun, obwohl darin Leichen vorkommen. Sie sind aber spannend, so spannend wie stromführende Überlandleitungen. Die Hörer fiebern mit, entwickeln ihre eigenen Schlüsse und stellen dann – fast im letzten Satz – fest, dass alles ganz anders zusammenhängt. Unbedingt hörenswert!
Die Träumerin von Ostende | Eric-Emmanuel Schmitt (Autor) | Matthias Ponnier (Sprecher) |
Der Audio Verlag, Dav | EUR 19,99
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