Der Name „Blauer Boll“ ist wörtlich zu nehmen. Barlach beschreibt Boll als beleibt, kurz vor dem Schlaganfall – dann nämlich läuft er blau an.
Außerdem trinkt er gern. Wahrscheinlich hat er einen konstanten Alkoholpegel. In der Stuttgarter Staatstheater-Inszenierung von Stephan Rottkamp färbt Boll sich selbst ein, mit cremiger, blauer Farbe.
Eine Plastikfolie, wie eine Gartentischdecke, spannt sich über den Boden der riesigen Bühne (Robert Schweer) und bildet die Rückwand. In der Mitte stehen Eimer mit blauer, grüner, roter, weißer, schwarzer, brauner Farbe – sahnige, dicke Farbe. Sie greifen in die Kübel und malen ihre Körper an. Kostüme von Kirsten Dephoff – Farbe statt Textil.
Staatstheater Stuttgart
♂ Der blaue Boll von Ernst Barlach – Kostüme aus dicker, cremiger, bunter Farbe
♫ 50 Jahre Stuttgarter Ballett – CRANKO / VAN MANEN / BÉJART – drei wichtige Choreographen
Cranko, van Manen, Béjard – drei große Choreographen mit unterschiedlichen Sichtweisen auf menschliche Beziehungen:
Initialen R.B.M.E. Harmonie und Zusammengehörigkeit / Frank Bridge Variations Tanz der Individualisten / Bolero Streben nach der Mitte.
Unterm hohen Himmel: Parzival
Ein Familienstück von Katrin Lange
im Schauspielhaus Stuttgart
Parzival (Jan Krauter) möchte wissen, was hinter den Bergen steckt, woher die Vögel kommen, wohin die Wolken ziehen.
Zwei behelmte Ritter (Boris Koneczny, Markus Lerch), einer davon mit echtem Schmerbauch, und eine Ritterin (Nadja Stübiger ) kommen vorbei auf der Suche nach einem Königssohn, nämlich ihm (das wissen aber nur die Zuschauer). Blechtüren als Schilde, an den Hüften aufgeblasene Rettungsringe wie bei Schwimmneulingen, Stiefel unter Boxershorts. Ritterin Kundry trägt nicht nur ein Röckchen wie ein römischer Gladiator; sie kann auch hervorragend knutschen.
Die Ritter imponieren dem tumben Tor. Er möchte so sein, wie sie sich in ihrem gerappten Werbespot (Musik: Michel Baur) darstellen: „Einer für alle; alle für einen“
♫ 3x „Judith“ nebeneinander – Vivaldi, Wittershagen, Hebbel, Tismer
Für mich gehörte diese Inszenierung zu den weniger erfreulichen. Aus der Distanz wirkt sie wegen der Performance-Einlage lediglich pubertär. Ohne besagte Einlage würde ich die „Judith“ gern noch einmal sehen.
„Judith“
im Staatstheater Stuttgart
Die Geschichte ist schnell erzählt. Der assyrische Feldherr Holofernes belagert Betulia und gräbt den Einwohnern das Wasser ab, weil sie sich ihm nicht freiwillig(!) unterwerfen. Als das Volk schon kurz vor dem Verdursten ist, sucht Judith, eine bis dahin unbescholtene Witwe, Holofernes auf und gaukelt ihm vor, ihr Volk zu verraten.

Judith bündelt ihre weiblichen Reize, verführt ihn und macht den Schlafenden mit seinem eigenen Schwert um einen Kopf kürzer.
Was bei männlichen Tätern kaum zu Irritationen führt, beschäftigt Maler, Komponisten, Dramatiker, Wissenschaftler seit über 2000 Jahren.