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♫ Konzert: Xaver Paul Thoma zum 70. mit offenburger ensemble

Das „Offenburger Ensemble“ gibt am 23.07.2023 ein Konzert aus Anlass des 70. Geburtstags von Xaver Paul Thoma in der Klosterkirche zu Haslach im Kinzigtal.

Die Erwartungen des „handverlesenen“ Publikums, das sich am Sonntag, den 23. Juli 2023 um 19 Uhr in der Haslacher Klosterkirche einfindet, werden reichlich belohnt. Durch das Programm, das natürlich aus Werken Thomas, aber auch einem Reger-Stück besteht, führt kenntnisreich, einfühlsam und humorvoll der Leiter des offenburger ensembles, Gerhard Möhringer-Gross. Er schafft von Anfang an eine persönliche Atmosphäre, die den Anlass spüren lässt und auf den aus Haslach stammenden Jubilar zugeschnitten ist.

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: Gerhard Möhringer-Gross, Moderation

Fantasie 25 „Brief an Rolf für Bratsche solo“ op.193 von Xaver Paul Thoma

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: Rolf Schilli, Bratsche

Von der guten Akustik der Kirche können sich die Zuhörer gleich beim ersten Stück überzeugen. Es ist die Uraufführung der Fantasie „Brief an Rolf“ aus „25 Fantasien für Bratsche solo“ op.193 von X.P.Thoma. Der Empfänger des Briefs, Rolf Schilli, verhilft diesem „historischen Akt“ mit seinem differenzierten und packenden Spiel gleich zu einem ersten Höhepunkt des Abends.
Besonderheiten dieser „Briefe an…“ sind einerseits die vertonbaren Buchstaben von Vor-und Nachname sowie besonderer Vorlieben beziehungsweise Eigenschaften, des Widmungsträgers. Man könnte sagen, es entsteht in jedem dieser „Briefe“ ein musikalisches Portrait.

“Die Blumen II“ für Sopran solo op.146A von Xaver Paul Thoma

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: Svea Schildknecht Sopran

Der zweite Programmpunkt ist ein Sologesang für Sopran, “Die Blumen II“ op.146A nach einem Gedicht von Pedro Calderon de la Barca in einer Übersetzung durch August Wilhelm Schlegel. Das heißt: spanische Renaissance-Lyrik eines der bedeutendsten Dichter, Dramatiker und Philosophen in einer Übersetzung des Mitbegründers der neuen romantischen Schule. Svea Schildknecht (Sopran) wagt sich an die größte Ansprüche stellende Komposition und erschafft mit ihrer reichen, klaren Stimme ein Kleinod, eine überzeugende Umsetzung des Textes und der Musik.

„7 Splitter“ für Violine und Klavier op.149 von Xaver Paul Thoma

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: Uschi Gross, Klavier und Frank Schilli, Geige

Bei der nächsten Thoma-Komposition, den 7 Splittern für Violine und Klavier op.149 (2006) hatte Gerhard Möhringer-Gross die geniale Idee, drei Ortenauer Künstler miteinander zu kombinieren. Er lässt zwischen den Stücken Gedichte des in Hausach ansässigen Lyrikers Jose´ A. Oliver lesen (Ursula Bengel, Rezitation). Diese Gedichte aus dem Sammelband „Holzgefährten“ sind von Armin Göhringer – dem lebenden und arbeitenden regionalen Holzbildhauer – angeregt und ihm gewidmet.
Die Musik hat einen besonderen Anlass beziehungsweise Hintergrund. Durch seine Tätigkeit als Pädagoge inspiriert, komponierte Thoma diese 7 Stücke für den Wettbewerb „Jugend musiziert“. Er schreibt dazu: “komponieren für Musikschüler bedeutet nicht, schülerhaft zu komponieren. Das Gegenteil ist notwendig“ und: “trotzdem werden in dieser Kürze möglichst viele Facetten des musikalischen Ausdrucks erwartet“. Und weiter: “auch wenn manchmal ernste Töne nicht ausgespart werden, soll freilich der Spielwitz nicht zu kurz kommen“. All das erfährt durch die Interpretation von Frank Schilli, Violine und Uschi Gross, Klavier eine ebenso souveräne wie eindrucksvolle Darstellung. Man fühlt sich das eine oder andere Mal an den aphoristischen Komponierstil Anton v. Weberns erinnert. Die Gedichte beschreiben sehr schön das Holz als ästhetisch-lebendigen Werkstoff, was eine Verbindung zu den edlen Ahorn- und Fichtenhölzern herstellt, aus denen Streichinstrumente gebaut sind.

„Serenade Nr. 2 G-Dur“ für Flöte, Geige und Bratsche op.141a von Max Reger

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Max Reger: Peter Stöhr, Flöte; Frank Schilli, Violine; Rolf Schilli, Bratsche

Dass in diesem Thoma-dominierten Konzertprogramm auch ein Reger-Werk erklingt, nämlich die Serenade op.141a für Flöte, Geige und Bratsche, ist mit Bedacht gewählt. X. P. Thoma beschreibt in seinen biographischen Texten oft seine Affinität zur Regerschen Musik und auch, wie diese ihn in seiner Jugendzeit geprägt hat. Zum Anderen erklingt am Ende des Abends seine „Musik für Flöte, Violine und Bratsche“op.131.
Max Reger schuf sein op.141a am Ende seines kurzen Lebens, als er sich 1915 eine Villa in Jena gekauft hatte und plante, dort ein neues Kapitel seiner Komponistenlaufbahn einzuschlagen, von ihm selbst „freier jenaischer Stil“ genannt. Die 3-sätzige Komposition vereint in überlegener Manier alle Regerschen Tugenden: Einfallsreichtum, virtuose Satztechnik, Tiefgründigkeit ebenso wie Volkstümlichkeit. Und das alles mit leichter Hand geschrieben.
Die Umsetzung durch das Offenburger Ensemble mit Peter Stöhr Flöte, Frank Schilli Violine, sowie Rolf Schilli Bratsche gerät absolut kongenial und stellt mit seiner mitreißenden Musizierlust einen weiteren Höhepunkt des Abends dar.

„Musik für Flöte, Violine und Bratsche“ op.131 von Xaver Paul Thoma

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: Peter Stöhr, Flöte; Frank Schilli, Violine; Rolf Schilli, Bratsche

Die schon erwähnte Musik für Flöte,Violine und Bratsche op.131 schrieb X.P.Thoma 2003 für das Offenburger Ensemble. Uraufführung und Anlass waren der 50. Geburtstag des Komponisten und Aufführungsort derselbe wie heute. Und auch die 3 Musiker waren damals wie heute dieselben: Peter Stöhr, Frank Schilli und Rolf Schilli.
In diesem Stück, dessen Besetzung durchaus mit Bezug gewählt wurde, zeigt Thoma seine ganze Schreibkunst für diese Gattung. Neben vielen tiefgründigen und innigen Momenten scheint ihm auch mal der Griffel auszurutschen und er skizziert kurz und treffend Tänze sowie Tänzer, die auch mal am Rhythmus scheitern…

7 Lieder „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ für Sopran und Klavier op.37A von Xaver Paul Thoma

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: Elmar Schrammel, Klavier und Svea Schildknecht, Sopran

Möglicherweise der Gipfelpunkt in dieser eindrucksvollen Werkschau sind die 1984/86 entstandenen 7 Lieder „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ der nur 18 Jahre alt gewordenen Selma Meerbaum-Eisinger für Sopran und Klavier op.37/A.
X.P.Thoma bekennt, dass er die Gedichte zu einem Zeitpunkt gelesen und vertont hat, an dem er noch nichts über ihr persönliches Schicksal wußte. Es war also für ihn allein die Qualität sowie die Botschaft Inspiration, sich an die Kompositionsarbeit zu machen. Die Texte sind bei aller Kürze so eindringlich und emotional, dass man sich schon durch das gesprochene Wort völlig hineingezogen fühlt in ihre Welt.

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: Ursula Bengel, Sprecherin

Allerdings muß hier der alle Texte des Abends rezitierenden Ursula Bengel ein großes Lob gezollt werden. Schöner und zu Herzen gehender kann man diese zarte Lyrik nicht zum Leben erwecken!
Eine Besonderheit des Komponier-Procederes soll hier noch erwähnt werden: X.P.Thoma komponierte die ersten 3 Gedichte 1984. Im Jahr 1986 wagte er sich, nachdem andere Arbeiten die Erinnerung daran etwas verdrängt hatten, erneut an diese Gedichte. Er vertonte IV bis VII, wobei ihm zunächst nicht auffiel, dass er „Spürst Du es nicht“ schon früher vertont hatte. Einmal erkannt, entschied er sich, die zwei recht unterschiedlichen Kompositionen beide im Zyklus zu belassen. Eine kluge Entscheidung, bekommt doch die Reihung dadurch etwas Rundes und zeigt andererseits die kreative Schreibkunst Thomas auf eindrucksvolle Weise.
Svea Schildknecht, Sopran und Elmar Schrammel, Klavier sowie Ursula Bengel, Rezitation schufen gemeinsam ein an Eindrücklichkeit, musikalisch zwingendem Ausdruck und sensibler Annäherung an eine frühbegabte, leidenschaftliche Lyrikerin nicht zu überbietendes Gesamtkunstwerk, dessen Wirkung lange nachhallen wird…

Konzert: Offenburger ensemble spielt Kompositionen von Xaver Paul Thoma: offenburger ensemble mit Xaver Paul Thoma beim Schlussapplaus in der Klosterkirche

Am Ende großer Beifall für ein Ausnahme-Konzert, für einen Ausnahme-Komponisten im idyllischen Haslach, dargeboten von den Mitgliedern des Offenburger Ensembles. Eine Sternstunde…

Konzert in der Haslacher Klosterkirche

Sonntag, den 23. Juli 2023, 19 Uhr
Klosterkirche Haslach
Konzert
Xaver Paul Thoma zum 70. Geburtstag
Es spielt das offenburger ensemble

Über den Autor

Wolfgang Wahl, Jahrgang 1948, ist ein im Ruhestand lebender Geiger, Bratscher und Geigenbauer.
Er war 40 Jahre Mitglied der 1. Geigengruppe des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Als Bratscher spielte er in Ensembles wie dem Ensemble 13, wo er viel zeitgenössische Musik (ur-)aufgeführt hat. Im Barockensemble „Parnassi musici“ brachte er seine beiden Instrumente auch in historischer Version zum Erklingen.
Kammermusikspiel war und ist ihm wichtig. Er beschäftigt sich weiterhin aktiv mit Musik, coacht gerne junge MusikerInnen oder schreibt auf, wie sich seine Arbeitsweise im Alter verändert.
Als gelernter Geigenbauer hat er eine weitere Perspektive auf Streichinstrumente und steht in regem Austausch mit jüngeren neubautreibenden Geigenbauern.
In den letzten Jahren erprobt er sich zudem als Moderator von Konzerten und schreibt gelegentlich für Fachmagazine.

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