✍ Romantipp: Der Geliebte der Mutter von Urs Widmer

Ein Sohn berichtet über die Stationen im Leben seiner Mutter. Von Anfang an, als sie noch ein kleines Mädchen war in einem reichen Elternhaus, bis zu ihrer Beerdigung, bei der sie fast verarmt war.
Durch die ganze Erzählung zieht sich die Beziehung zu einem Mann, dem größten Dirigenten seiner Zeit. Sie hat ihn verehrt, seit sie ihn als junges Mädchen im Konzert gesehen hat. Damals gründete er sein Orchester mit Musikern, deren Gage er nicht zahlen konnte. Später sollte ihn dieses Orchester reich und berühmt machen.

Er hat die Mutter gebraucht, verbraucht, missbraucht. Erst war sie seine Sekretärin und managte sein Orchester – natürlich umsonst. Als ihr Vater starb, stand sie mittellos da. Er überließ ihr sein Zimmer, da er sich jetzt eine Wohnung leisten konnte. Als Gegenlohn tauchte er in der Wohnung auf und vergewaltigte er sie, wann immer es ihn überkam. Als sie ihm sagte, dass sie schwanger war, fragte er sie, ob sie sich wirklich mit einem Kind ihr Leben vermasseln wolle. Er vermittelte ihr einen Termin beim Arzt, ohne sich weiter um sie zu kümmern.

Als er eine reiche Frau heiratete, sagte er ihr den Termin nebenbei im Vorübergehen drei Tage vor der Hochzeit. Sie war nicht eingeladen. Als sie selbst heiratete, wohnte sie mit ihrem Mann am See gegenüber seiner Villa. In Selbstmordgedanken ging sie – mit dem Blick zu seinem Anwesen – mehrere Male ins Wasser, später mit ihrem Kind, dem Erzähler, auf dem Arm. Der von der Mutter heiß Geliebte beachtete sie nicht weiter, schickte ihr aber jedes Jahr Blumen mit einem Kärtchen, beschrieben mit violetter Tinte. Bis zu ihrem 61. Geburtstag traf der Blumengruß in schöner Regelmäßigkeit ein, dann war Schluss. Als in den folgenden Jahren keine Blumen mehr kamen, stürzte es die Mutter wieder in starke Depressionen – jahrelang, bis an ihr Lebensende.

Ganz am Schluss, auf den letzten sechs Seiten, merkt die Leserin, dass dieses nur die Vorgeschichte für die eigentliche Geschichte ist. Als die Mutter schon beerdigt ist, stellt er, der Sohn, den Geliebten seiner Mutter zur Rede. Das Ergebnis ist sowohl für ihn als auch für die Leser verblüffend.
Verblüffend für die Leserin ist auch, wie Fiktion und reale Biografie von Paul Sacher – immerhin in der Schweiz ein bekannter Dirigent und Mäzen – miteinander vermischt werden.

Der Geliebte der Mutter von Urs Widmer | Diogenes; (25. September 2012) | EUR 10,00

 

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