✒ Klassiker-Buchtipp: „Die Wildgans“ von Mori Ogai

Ein Buch aus der Reihe „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ vermittelt schon vom Äußeren das Gefühl, etwas Wertvolles in den Händen zu halten. Obwohl es kleinformatig ist und in die Handtasche oder Hosentasche passt, ist es kein Buch für die S-Bahn.
Ein in graues Leinen gebundenes Buch, auf der Vorderseite das Manesse-Emblem eingraviert, das die Leser nach jedem Aufschlagen in den Fingern spüren. In Goldprägung steht der Titel auf dem Buchrücken. Golden glänzt ebenfalls das praktische Lesebändchen. Gedruckt ist das Buch auf leicht ockergelb getöntem Papier – lesefreundlich.
Schon die äußere Verpackung mit dem schlichten, glänzenden Schutzumschlag signalisiert, dass auch der Inhalt wertvoll sein muss.
Manesse verlegt Werke der Weltliteratur, die teilweise noch mit der Feder geschrieben wurden. Diese Romane finden ihre Leser bis zum heutigen Tage.

„Die Wildgans“ von Mori Ogai gehört in Japan zur beginnenden Moderne, obwohl der Roman schon 1912 geschrieben wurde. Die Handlung in Mori Ogais Roman spielt noch circa ein halbes Jahrhundert vorher – also in der „guten, alten Zeit“, als der Schriftsteller noch jung war. Es zeigt sich darin, dass er vieles ausführlich erklärt, was natürlich auch den heutigen Lesern zugute kommt. So erfahren die Leserinnen, welchen Stellenwert die Zweitfrauen früher hatten – nämlich einen sehr geringen. Sie erfahren auch etwas über das Leben der Studenten, aber dazu später. Außerdem erfahren sie, dass eine Frau erst kurz vor ihrer Hochzeit ihren zukünftigen Ehemann sieht. Vorher wurde alles mit der Heiratsvermittlerin besprochen, sowohl, was die finanzielle Seite angeht, als auch, was die Charaktereigenschaften des zukünftigen Ehemannes angeht. Natürlich kommen nur die guten Seiten ans Licht.
Dass ihr Ehemann ein Wucherer ist, der von allen Berufen den unwürdigsten hat, erfährt Otama erst durch die abwertende Reaktion ihrer Umgebung. Ihr Ehemann hat ihr ein Haus eingerichtet, in dem er sie besucht, sooft es ihm passt. Leider kommt er allzu gern, denn seine Hauptfrau hat Wind von der Heirat bekommen und verjagt ihn durch ihre schlechte Laune und jammernde Vorwürfe.
In der Zwischenzeit hat Otama, die schöne und junge Zweitfrau, sich in einen Studenten verliebt, der jeden Tag an ihrem Haus vorbeikommt. Er grüßt sie  ehrerbietig – im Gegensatz zu den Nachbarn. Der Student, ein junger Mann aus gutem Hause, lässt ebenfalls eine Liebe oder Zuneigung in sich aufkommen. Ebenso wie Otama verbringt er seine Zeit mit Tagträumen. Otama sieht ihre Chance gekommen, als sich ihr Ehemann für zwei Tage zu einer Geschäftsreise verabschiedet. Ihrem Dienstmädchen gibt sie frei, damit es seine Elten auf dem Lande besuchen darf.

Was in den folgenden Stunden passiert, schildert Mori Ogai derart ruhig und trotzdem dramatisch, dass die Leserin am Ende des Buches erst einmal ausatmet – mit den Gedanken in ferner Zeit und Welt.

Die Wildgans von Mori Ogai | Aus dem Japanischen von Fritz Vogelgsang | Manesse Verlag | 18,50 Euro

 

Japan:

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