♫ La Sonnambula in der Oper Stuttgart – allgegenwärtige Mutter Teresa

Diese Operninszenierung – Die Nachtwandlerin von Vincenzo Bellini – kann als Schauspiel und Oper bezeichnet werden, denn die hervorragenden Sänger sind zu gleichen Teilen beeindruckende  Darsteller. Wie gewohnt läuft der Stuttgarter Opernchor in der Einstudierung von Michael Alber zur Höchstleistung auf, wenn er nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch gefordert wird. Der Dirigent Gabriele Ferro und das Stuttgarter Staatsorchester werden umjubelt.

Drei Frauen beherrschen die Bühne, siehe → Inhalt / Handlung: La Sonnambula (Die Nachtwandlerin)

Catriona Smith als Lisa drückt sich, vor lauter masochistischem Selbstmitleid,  eine Zigarette auf dem Arm aus, während sie musikalisch ihre Schmach beklagt. Eigentlich sollte sie Elvinos Braut sein und nicht die schöne Amina. Mit einem Lappen wischt sie erst den Boden, dann Elvinos Platz auf dem Tisch ab, während er mit Amina ein Liebesduett singt, ohne Lisa zu bemerken. Lisa kippt einen Schnaps nach dem anderen in sich hinein, immer mit Blick auf den glücklichen Elvino. Aminas Pflegemutter Teresa beäugt sie kritisch und räumt ihre leergetrunkenen Gläser auf. Den Inhalt der Flaschen schüttet sie – ganz Hausfrau – in einer Flasche  zusammen.
Helene Schneidermann als Mutter Teresa ist allgegenwärtig. Sie nimmt die Glückwünsche der Dorfgemeinschaft entgegen, schubst die schüchterne Amina zum Notar, beißt einen herunter hängenden Faden an Aminas Brautkleid ab. Wenn sie singt, fügt es sich ganz natürlich in ihre Tätigkeit ein. Während Rodolfos Arie, in der er über seine längst vergangene große Liebe sinniert – die die gleichen Augen hatte wie Amina –  schaut Teresa immer wieder auf die Uhr. Mit den Fingern trommelt sie ungeduldig auf die Tischplatte. Sie möchte die Hochzeit unter Dach und Fach bringen. Anrührend, wenn sie eine nutzlose Geste macht und die willenlose, noch schlaftrunkene Amina von den pöbelnden Dorfbewohnern fortzieht.
Ana Durlovski als Amina singt nicht nur mit Leichtigkeit in den höchsten Koloraturen, sie durchlebt sie auch. Wenn sie sich freut, wenn sie leidet, verkörpert sie Musik. Nach ihren schlafwandlerischen Streifzügen reagiert Amina gekränkt und verstört, denn sie ist sich keiner Schuld bewusst.

Motti Kastón als Alessio schaut Lisa verliebt in die Augen, sucht sie immer wieder auf. Er liebt sie, sie hasst ihn. Fassungslos schaut er Lisas Eskapaden zu. Als die Dorfgemeinschaft ihr enthüllt, dass sie jetzt die Braut ist, könnte ihr Freudentanz triumphaler nicht sein. Am Schluss legt sie sich erschöpft auf den Boden und zündet sich eine Zigarette an. Später übernimmt Alessio den Part des Wirtes, gießt allen Schnaps nach – immer von Mutter Teresa beäugt.
Luciano Botelho als Elvino reagiert zornig. Elvino wandelt sich vom glücklichen Bräutigam zum betrogenen Mann. In seiner blinden Wut und Eifersucht schubst er Amina und den Grafen aufeinander – zu beider Empörung. Am Ende von Aminas Schlussarie kommen Elvino Zweifel; es tut ihm leid; er kämpft mit sich. Sonderlich glücklich sehen beide nicht aus, weder Amina noch Elvino – zu tief sitzt die Kränkung.
Liang Li mit seinem mächtigen Bass empfindet als Graf erst Casanova-Gefühle, dann zunehmend väterliche Gefühle für Amina. Als sich am Schluss das Gespenst von Aminas Mutter zu ihm an den Tisch setzt, sackt er in sich zusammen.

Viele Details trugen Die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito für diese bewundernswerte Regiearbeit zusammen. Für Emotionen setzen sie bleibende Bilder ein – Blicke gehen hin und her, Mimik und Gestik stimmen perfekt.

Nur für ein zartes Aneinander eines Brautpaares, mit Liebesgeflüster und Treueschwüren, haben sie keine Geste parat. Warum fallen ihnen zu den intimsten und zärtlichsten aller Gefühle nur solch drastische Szenen ein?

Ein typisches Anna-Viehbrock-Einraum-Bühnenbild.
Wie immer in einer ungepflegten Umgebung, in der sich niemand ohne Not aufhalten mag. In dieser Oper ist es ein feuchtes Kellergewölbe mit schimmeligen Wänden, das vorwiegend als Abstellraum genutzt wird. Für Lisas Gasthaus werden blanke Holztische und Klappbänke aufgestellt. In diesem geschlossenen Raum ohne Aussicht auf Hofgang kann keine Nachtwandlerin über die Dächer laufen. Sie bahnt sich einen Weg durch die umgekippten Klapptische und Bänke.
Die Kostüme beeindrucken als undefinierbare 50er-60er-70er-Jahre-Frauen-und-Männer-Oberbekleidung, immer im hehren Wettstreit um das unattraktivste Aussehen.

Das ist Kult!

Eine runde Vorstellung –  Ensemble bietet Glanzleistung – Publikum in Hochstimmung.

Inhalt / Handlung: La Sonnambula (Die Nachtwandlerin) – Oper mit Musik von Vincenzo Bellini
La Sonnambula in der Oper Stuttgart – allgegenwärtige Mutter Teresa

 

Vincenzo Bellini:

Fotos A.T. Schaefer

Die Nachtwandlerin (La Sonnambula) Von Vincenzo Bellini

Oper Stuttgart
Musikalische Leitung: Gabriele Ferro
Regie: Jossi Wieler, Sergio Morabito,
Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Reinhard Traub
Chor: Michael Alber
Dramaturgie: Sergio Morabito, Angela Beuerle

 

Besetzung am 25. Januar 2012:
Rodolfo: Liang Li,
Teresa: Helene Schneiderman,
Amina: Ana Durlovski,
Elvino: Luciano Botelho,
Lisa: Catriona Smith,
Alessio: Motti Kastón