☛ „Der blaue Junge“ – 11. Stuttgarter Europa Theater Treffen (SETT 2012) im Theater Tri-Bühne

Die irische Theatertruppe Brokentalkers aus Dublin thematisiert den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, der in Irlands katholischen Heimen fast ein ganzes Jahrhundert andauerte. Sie zeigen in einem einzigartigen Gefüge von Schauspiel, Rhythmik, Musik und Video die Auswirkungen von physischer und psychischer Gewalt auf die Kinder.

Ein freundlicher Mittdreißiger (Gary Keegan) hält einen alten Zollstock in die Höhe, mit dem er früher als Kind gern spielte. Er klappt ihn zusammen und schaut wie durch einen Fernseher. Mit ein paar Handgriffen wird der Zollstock zum Pferd, Dinosaurier oder zur Posaune. Dieser Zollstock gehörte einmal seinem Großvater, einem Bestatter. Der maß damit die Leichen aus, um danach den Sarg zu fertigen. Wenn der Großvater von der nahe gelegenen Kinderverwahranstalt kam, war er tagelang deprimiert, erzählte aber nie, was genau er dort gesehen hatte.
Und genau darum geht es in diesem Stück – dem irischen Trauma.
Nach der Befreiung von den protestantischen Engländern wurde Irland 1921 zu einem katholischen Kirchenstaat. Zu den Moralvorstellungen gehörte es, dass Waisen und Kinder von minderjährigen und nicht ehelichen Müttern in derartigen Verwahranstalten aufgezogen wurden.

Weiß geflieste Wände wie in einem Schlachthaus. (Bühnenbild und Kostüme Lucy Andrews und David Fagan). Kaltes Licht. Ein blanker Holztisch, dahinter eine harte Holzbank, auf der zwei menschliche Wesen sitzen. Sie sind austauschbar. Mal sitzen ein, mal zwei, mal mehrere Personen auf der Bank und vollführen rhythmische Bewegungen; mechanisch, ohne emotionale Regungen. Sie sind kaum voneinander zu unterscheiden. Graue Uniformen mit knielangen Hosen, graue Strickstrümpfe, derbe Stiefel. Ihre Frisuren kennzeichnen sie als Kinder, ohne ein Individuum preiszugeben. Keinerlei Regung ist bei diesen Kindern zu erkennen. Ihre Gesichter sind verklebt mit verknittertem Papier, aus dem Augen schauen. Sie laufen wie aufgezogene Marionetten, ohne menschliche Regungen. Sie sind austauschbar. Keine normalen Kinder. Sie rennen gegen die Wand, zeigen Hospitalismuserscheinungen.

Während anderer Szenen werden alte Bilder ab den Dreißiger Jahren und Filmaufzeichnungen an die Wand projiziert. Man sieht eine Industrieproduktion mit riesigen Maschinen, aber im Verhältnis kleine Arbeiter mit Lederschürzen. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest – es sind Kinder!

Seilspringen – für die meisten Kinder ein fröhliches Spiel – wird für sie zum Überlebenstraining. Mechanisch hüpfen sie hoch und springen zur Seite, um nicht vom Seil getroffen zu werden. Zwei Personen schlagen das Seil mit aller Kraft auf den Boden. Währenddessen erzählen ehemalige Heimzöglinge aus dem Off heraus ihre Geschichten. An der Wand kleben Wörter, mit welchen Gegenständen sie geschlagen wurden. Mit jedem Schlag des Seils vervollständigt sich die Aufzählung. Sie reicht von Lederriemen über Brennnessel bis hin zu Holzschuhen.

Sie wurden als Arbeitskräfte und als Sexopfer missbraucht. Hinter grauen Mauern waren sie sadistischen Priestern total ausgeliefert. Sie konnten sich nicht wehren. Einer war dreimal bei der Polizei, die ihm nicht glaubte, ihn verprügelte und zurückschickte. Dort wurde er umso mehr geprügelt. Keiner glaubte den Missbrauchsopfern.
Manche erzählen fast euphorisch von Glücksmomenten, die sie nach Jahrzehnten noch wiedergeben können. An häufigster Stelle wurde genannt, dass ihnen eine Prügelstrafe, mit der sie gerechnet hatten, erlassen wurde.
Es wurde nicht nur gearbeitet. Am Sonntag wurden einige an die See gekarrt. Von drei Nonnen bewacht, saßen sie am Meer mit dem Blick aufs Wasser – stundenlang. Sie durften sich keinen Meter aus ihrem Rudel entfernen.

Während all dieser Erzählungen spielen die Schauspieler Dylan Coburn Gray, Eddie Kay, Gary Keegan, Jessica Kennedy, Megan Kennedy, Stephen Lehan und Mary-Louise McCarthy mechanisch ihre Rollen. Sie werden unterstützt von der Musikerin Lucy Andrews, die mit ihrem klagenden Klarinettenton die Leiden der Kinder zum Ausdruck bringt. Rhythmische Trommelschläge zeigen die realen Schläge an, bei denen die Personen jeweils zusammenzucken.

In diesem Stück spielt Gewalt und Missbrauch die zentrale Rolle. Angeklagt wird die katholische Kirche, die ihre Macht missbrauchte. Diese Inszenierung kommt ohne Gewaltszenen, Kopulationsszenen oder sonstigen Effekten-mit-dem-Vorschlaghammer aus. Sie lässt den Zuschauern Raum für ihre eigenen Erfahrungen. Die Bilder entstehen in ihren Köpfen und sind umso nachhaltiger. Eine beeindruckende Darstellung von gebrochenen Kinderseelen. Sie zeigen das Resultat – besser gesagt das Endprodukt – dieser Behandlung.
Diese Inszenierung bleibt lange im Gedächtnis haften.

 

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Irland:


11. Stuttgarter Europa Theater Treffen (SETT 2012) im Theater Tri-Bühne
Der blaue Junge (The Blue Boy)
von und mit Brokentalkers, Dublin

FOTO Dan Keane
In englischer Sprache, via Headsets simultanübersetzt
Regie Feidlim Cannon | Gary Keegan
Konzeption Feidlim Cannon | Gary Keegan

Dauer 1 Stunde 20 Minuten

Choreografie Eddie Kay
Musik Séan Millar
Video Kilian Waters
Lichtgestaltung Sarah Jane Shiels
Ton Jack Cawley
Bühnenbild und Kostüme Lucy Andrews und David Fagan
Produktion Marcus Costello
Inspizienz Francis Fay
Kostümassistenz Emma Downey
Dokumentation Sinéad O’Loughlin und Daniel Keane

Darsteller am 17.11.2012:
Dylan Coburn Gray | Eddie Kay | Gary Keegan | Jessica Kennedy | Megan Kennedy | Stephen Lehan und Mary-Louise McCarthy
Musikerin Lucy Andrews

 

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