♫ Oper Stuttgart: „Schaum der Tage“ mit Musik von Edison Denisov

Wer den Roman von Boris Vian kennt, sollte die blumigen Beschreibungen und bizarren Bilder vorsichtshalber vergessen und sich neu auf die Aufführung konzentrieren. Übrig geblieben ist das Gerippe der Handlung – sogar mit wörtlichen Zitaten aus dem Roman. Edison Denisov, der russische Komponist mit einer Vorliebe für Bläser, Schlagzeug und Duke Ellington, verfasste selbst das Libretto nach dem Roman von Boris Vian. In dieser Oper geht es hauptsächlich um die Liebesgeschichte von Colin und Chloé.

Ed Lyon ist die ideale Besetzung für den lebenslustigen Colin. Mit seinem strahlenden Tenor sprüht er vor Lebenslust. Aber auch die dunklen Töne beherrscht er. Colin hüpft freudig durch seine sonnendurchflutete Welt, legt sich mit überkreuzten Beinen aufs Sofa – Kopf nach unten, Füße zur Decke, singt vor Lebenslust. Es sind die Melodien von Duke Ellington, die es ihm angetan haben. Mit ihnen erträumt er sich eine Geliebte. Als er sie schließlich mit Chloé gefunden hat, tanzen die Beiden – selbst den Hochzeitstanz – nach Duke Ellingtons Melodien.

Chick und Alise kommen nur am Rande vor und auch der Koch Nicolas (Arnaud Richard) hat lediglich am Anfang seinen großen Auftritt.

Nicolas tritt auf als (Koch)Künstler. Wie ein Oratoriensänger steht er vor dem Notenständer, auf dem das Kochbuch aufgeklappt liegt. Das Rezept als Arie. Edison Denisov komponierte es, entgegen seines sonstigen Stils, als Zwölftonmusik. Es klingt so abgehackt wie die einzelnen Zubereitungsschritte in der Küche. Zu schön ist seine Geschichte von der Aalterrine. Genüsslich beschreibt Colin seinem Freund Chick, mit stimmungsvoller Musik (Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Sylvain Cambreling), wie Nicolas den Aal aus der Wasserleitung gelockt und geschlachtet hat.

Chick (Daniel Kluge) tritt auf als muffiger Unsympath, der nur die Bücher von Jean Sol Partre im Kopf hat. Sophie Marilley als Alise punktet einmal wieder in Kombination Stimme/Darstellung. Sie gibt der Figur eine eigene Prägung.

Die Ereignisse auf besagter Eisbahn, auf der sich die jungen Leute treffen, sind etwas für sehr Fantasievolle. Ein Video auf der Bühnen-Rückwand lässt ein Paar Schlittschuhe kreisen. Als ein Unfall passiert, färbt sich die Rückwand blutrot. Mit Riesenschrubbern putzt der (hervorragende Stuttgarter Opern-)Chor der Saubermacher die Wand. Vorn schreitet ein Priester (Marcel Beekmann) über die Bühne, der mit orthodoxem Kirchengesang den Unfalltod bedauert.

Die Party an Pudels Geburtstag geht unkonventionell mit Drogenkonsum ab. Chloé hebt sich stark von den übrigen Gästen ab. Rebecca von Lipinski als Chloé fällt durch ihre Zartheit auf. Sie sitzt allein und schaut auf Colin, Colin schaut auf sie, redet Blödsinn, ist total begeistert und vergleicht sie mit einem Walzer namens Chloé von Duke Ellington – und schon sind sie ein Paar.

Die Hochzeitsfeier gleicht einer Chaos-Party, die aus dem Ruder gelaufen ist. Chloé bildet einen ruhenden Mittelpunkt in ihrem zarten Hochzeitskleid mit den großen, bestickten Blumen.

Einige Bilder bleiben haften. Die Kostüme (Anja Rabes) stammen aus der Entstehungszeit der Oper. Der Doktor (Roland Bracht) trägt ein quitschegelbes Hemd, bei dessen Anblick die Augen wehtun. Der Direktor der Rüstungsindustrie (Karl Friedrich Dürr) ist über und über mit Orden dekoriert wie ein russischer Veteran aus dem 2. Weltkrieg.

Beeindruckend bis beklemmend ist Chicks Ermordung durch die Steuereintreiber. Sie tragen Anzüge und Mützen der russischen Miliz. Am Anfang singen sie ein russisches Soldatenlied, mit dem sie sich auf eine Schlacht einstimmen. Chicks Todeskampf findet unter wehklagenden Bläserklängen statt. Dann ertönt ein großes Schlagzeugsolo – wie Gewehrfeuer.

An ihrem Lebensende schwimmt Chloé in einem Blumenmeer, in dem sie fast untergeht. Das Begräbnis lässt Edison Denisov mit orthodoxem Kirchengesang zelebrieren. Den Zuschauern bleibt der Tod der – durch die ganze Oper wuselnden – Maus (Sébastien Dutrieux) erspart.

 

Inhalt / Handlung: Schaum der Tage – fantasievoller Roman von Boris Vian
Oper Stuttgart: “Schaum der Tage” mit Musik von Edison Denisov

 

Schaum der Tage an der Oper Stuttgart
Musikalische Leitung: Sylvain Cambreling
Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Anja Rabes
Video: Chris Kondek
Choreographische Mitarbeit: Andrea Böge
Licht: Reinhard Traub
Chor: Johannes Knecht

Fotos: A.T. Schaefer

Besetzung am 4. Dezember 2012
Colin: Ed Lyon
Chloé: Rebecca von Lipinski
Chick, Freund von Colin: Daniel Kluge
Alise, Chicks Freundin: Sophie Marilley
Nicolas, Colins Koch: Arnaud Richard
Isis, Freundin von Chloé: Pumeza Matshikiza
Doktor Mangemanche: Roland Bracht
Coriolan: Kai Preußker
Der Priester: Marcel Beekman
Der Direktor der Waffenfabrik: Karl-Friedrich Dürr
Jesus: Mark Munkittrick
Das Mädchen: Jeanne Seguin
Die Katze: Ansi Verwey
Schuppentier: Yves Lenoir
Die Maus: Sébastien Dutrieux
Mit: Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

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Schaum der Tage:
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