✍ Neuer Roman: Chorprobe – zum Mitleiden

Cindy singt mit Begeisterung und mit Hilfe von privatem Gesangsunterricht, der sie viel kostet. Sie ist nach ihrem Jurastudium in einer Anwaltskanzlei untergekommen – als Schreibkraft, in halber Stelle, mit dementsprechend wenig Geld. Über einige Ecken wird sie aufgefordert, bei dem berühmten Wiener „Chorus“ vorzusingen, denn die suchen gerade einen Sopran. Prompt wird Cindy engagiert. Was sie nicht weiß – sie ist genau der Typ, auf den Wolf, der Chorleiter, steht.
Der anfänglichen Euphorie folgt eine bodenlose Ernüchterung, denn dieser Chorleiter entpuppt sich als ein egozentrischer Despot. Er setzt die Chorproben an, wann immer es ihm beliebt. Wer nicht erscheint, wird bei der nächsten Konzertreise oder Auftritt nicht berücksichtigt. Wolf beleidigt die Choristen, macht ihre Stimme klein, toleriert keine Krankheitsausfälle, erwartet unbedingte Solidarität, zahlt schlecht. Jedes Chormitglied braucht unbedingt noch eine Halbtagsstelle, denn die Gage von 7,- Euro pro Probenstunde langt nicht zum Leben.
Wolf favorisiert jeweils eine Choristin, die in gewisser Weise einen Sonderstatus hat. Vorher klärt er sie darüber auf, dass er sich nie von seiner Frau scheiden lassen wird. Seine Favoritin ist bei jedem Auftritt dabei und muss/“darf“ mit in sein Schlafgemach neben seinem Büro kommen. Wird er ihrer überdrüssig, wird sie sofort aus dem Chor entlassen. Cindy ist diese Extrabehandlung unangenehm, denn sie hat Emil kennen gelernt – das genaue Gegenteil des aufdringlichen Chorleiters. Emil hört ihr zu, ohne ihr zu nahe zu treten, schreibt ihr Liebes-SMSs in der Sie-Form.

Sabine M. Gruber polarisiert gern. Die Zustände im Chor beschreibt sie drastisch. Kein Mensch kann sich vorstellen, dass es ein Sänger hier freiwillig aushält. Auch ist es fraglich, ob in dieser Atmosphäre eine künstlerische Leistung möglich ist. An Masochismus grenzt die Unterwürfigkeit der Chormitglieder. Wolf wird als Ekelpaket dargestellt, ohne jede sympathische Ader. Emil dagegen wird nur als zart, romantisch und einfühlsam beschrieben. Wenn Cindy ihren Händel singt, gerät sie in eine Verzückung wie in Trance, und wacht erst am Ende wieder auf.
Sie singen in namhaften 1A-Häusern wie dem Amsterdamer Concertgebouw mit dem holländischen Rundfunkorchester; ihre Konzerte werden in Korea vom Fernsehen übertragen. In Anbetracht dessen erscheint die Gage von 14,- Euro für zwei Stunden Probe fraglich. Mit diesem „Lohn“ wird auch der Prestigegewinn nicht aufgehoben.

Es fehlen die Zwischentöne. Dieses Buch eignet sich besonders für LeserInnen, die gerne mitleiden, aber über wenig eigene Fantasie verfügen. Ihnen kommt der Emotionen-Anschub gelegen.

Chorprobe von Sabine M. Gruber | Picus Verlag (25. August 2014) | 22,90 Euro

 

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2 Kommentare

  1. Ich habe Musik studiert und singe selbst in einem Chor. Auf Empfehlung einer Freundin, die ebenfalls Sängerin ist und vor ihrer Solokarriere in so einem halbprofessionellen Chor gesungen hat, habe ich den Roman soeben verschlungen! Wie kann man so naiv sein und allen Ernstes behaupten, dass es solche Zustände nicht gibt? Natürlich gibt es diese Ausbeutung im Musikbetrieb, und es gibt ChorleiterInnen und Dirigenten, die ihre Machtposition systematisch ausnützen. Wenn eine „Rezensentin“ so unbedarft ist und als einzige Qualifikation den Besuch von Opernaufführungen aufweisen kann, sollte sie sich lieber auf die Kochbücher u.ä. beschränken, die sie normalerweise auf ihrer „Kulturseite“ bespricht. Die Plattheit dieser Rezension ist kaum zu überbieten. Leider ist sie kostenpflichtig (ich frage mich, wer für so etwas zahlen soll…), sonst würde ich sie auf Facebook teilen – wäre die totale Lachnummer in professionellen Musikerkreisen.

    • Liebe Marie-Therèse,
      Ihr Beitrag ist ein Grenzfall. Normalerweise veröffentlichen wir keine Kommentare mit persönlichen Beleidigungen und/oder unsachlichen Bemerkungen.

      Also der Reihe nach:
      Den Musikbetrieb kenne ich auch von innen – allerdings anscheinend in einer anderen Liga. Hier beträgt die Probengage mindestens das Zehnfache. Das ist in diesem Zusammenhang völlig egal, denn es handelt sich hier nicht um eine Dokumentation, sondern um einen fiktiven Roman.

      In meiner Rezension geht es nicht um den Musikbetrieb und um die Zustände in manchen Chören. Es geht um die Reaktion der SängerInnen sowie das Schwarz-Weiß-Vokabular der Autorin. Nach meinen Beobachtungen ist unter Musikern der Anteil psychisch gestörter Menschen nicht größer als im übrigen Teil der Bevölkerung. Da ist es verwunderlich, dass sich ein ganzer Chor mit 30 oder 50 oder noch mehr Mitgliedern beleidigen, beschimpfen, herabsetzen, gegeneinander ausspielen lässt, zitternd aufs Podium geht und pünktlich wieder zur nächsten Probe erscheint – selbst mit Halsschmerzen. Ein derart kollektiver Masochismus dürfte doch unter freien Menschen ungewöhnlich sein.

      Ich bespreche übrigens fast alle Bücher auf unserer Kulturseite, siehe Buchtipp. Sowohl Romane, Hörbücher, Bildbände, Kinderbücher als auch Sachbücher (Kochbücher eher selten). Demnächst kommt ein Beitrag über das „Bestiarium“ – vielleicht ist das ja was für Sie.

      Den Link zu diesem Beitrag dürfen Sie gern auf Facebook posten. Für Sie ist es kostenlos und Ihre Freunde sehen meine ungekürzte Rezension und Ihren vollständigen Kommentar.

      LG Dorle Knapp-Klatsch

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