♫ Oper Stuttgart: Siegfried – frisch verliebt

In der Wiederaufnahme der Siegfried-Inszenierung singen Attila Jun und Heinz Göhrig – neben vielen neuen Sängern – ihre gleichen Rollen wie vor 15 Jahren.

♫ Inhalt / Handlung: Siegfried – Oper von Richard Wagner

Heinz Göhrigs Stimme ist gegenüber früher dunkler geworden. Als Mime ist und bleibt unschlagbar. Der Sänger-Schauspieler verkörpert Siegfrieds widerwilligen Ziehvater Mime, der genau so viel Ekel vor Siegfried empfindet wie umgekehrt. Beide brauchen einander noch für eine bestimmte Zeit und sind fest entschlossen, so lange durchzuhalten. Mime erhofft sich durch Siegfried den Zugang zum Ring und damit die Weltherrschaft – oder zumindest den Sieg über seinen Bruder Alberich. Pflichtbewusst bekocht Mime Siegfried. Köstlich, wie er den Tütenpudding zubereitet, nachdem er vorher genau die Gebrauchsanleitung studiert hat. Erwartungsgemäß reagiert Siegfried darauf mit pubertierender Kraftmeierei. Siegfried bedrängt Mime mit Fragen nach seiner Herkunft, besonders nach seiner Mutter. Dem mit einer jugendlichen Tenorstimme ausgestatteten Daniel Brenna nimmt man den hyperaktiv agierenden Siegfried glaubhaft ab.
Fafner (Attila Jun) residiert in einem Bunker hinter einem mannshohen Drahtzaun, der vereinzelt Löcher aufweist. Oben verhindert Stacheldraht ein Drüberklettern. Blechern erklingt Fafners Stimme „Wer stört mir den Schlaf?“ per Lautsprecher aus der Tiefe. Nach seinem Tod muss Fafner noch eine Weile im Stacheldrahtzaun kleben bleiben. Spätestens beim Waldvögelchen (Yuko Kakuta) als blindem Albino, wünscht man sich eine attraktivere Ausstattung.
Renée Morlic als Erda mit sehr, sehr tiefer Altstimme versöhnt mit dem unpassenden Bühnenbild (Anna Viehbrock), das an die Aufzuchtsräume „Lebensborn“ im Dritten Reich erinnert. Dem zeugungsfreudigen Wotan noch nachträglich einen praktischen Sinn anzudichten ist wirklich zu viel der Ehre. Die mit Erda gezeugten Walküren sind doch wohl eher ein Nebenprodukt seiner ungesteuerten Triebe als gezielte Kriegerinnenproduktion.
 Markus Marquardt als Wanderer steht zuerst über den Dingen, wandelt sich dann darstellerisch vom Sieger zum Verlierer. Mit seiner machtvollen Stimme übertönt er das Orchester im offenen Graben. Rastlos besucht er Mime, dem er überlegen ist. Mit Erda hat er schon mehr Probleme. Im Sängerzweikampf gewinnt Alberich fast die Überhand. Bei seinem Enkel Siegfried erleidet er ein Desaster, denn der zerbricht seinen Speer.
Michael Ebbecke zeigt sich wieder einmal sehr wandlungsfähig. Hervorragend stellt er den verschlagenen, zu latenter Gewalt neigenden Alberich dar. Das gilt sowohl für seine Stimme als auch für seine Darstellung.
Brünnhilde (Christiane Libor) begeistert mit ihrer frischen, lebensfrohen Stimme. Anscheinend hat sie sich im Feuerreif gut ausgeruht. Kaum ist sie im spießigen Schleiflackschlafzimmer im Bielefelder-Barock-Stil aufgewacht, fühlt sie sich wie Zuhause. Siegfrieds Schwert und Tarnkappe räumt sie flugs in die Nachttischschublade; aus der Schrankwand holt sie ein zweites Kissen. Das Brünnhilde-Siegfried-Liebesduett – ansonsten bekannt als optisch genügsam – gestalten beide kurzweilig. Siegfried ist derart eingeschüchtert von dem ihm unbekannten Wesen „Frau“, dass er nicht wagt, sich Brünnhilde auf männlich-draufgängerische Weise zu nähern – im Gegenteil. Anfangs versteckt er sich im Schrank, aus dem er vorsichtig herauslugt, immer bereit, sofort wieder hineinzuschlüpfen. Zwar lockt Brünnhilde ihn aufs Bett, aber so ganz geheuer ist es ihm noch nicht, denn er weiß nicht so recht, was er da soll. Um ihm die Grenzen aufzuzeigen, hält sie ihn mit einer Haarspraydose auf Distanz.

 

Deutliche Aussprache, textverständlich gesungen, kennzeichnen diese Aufführung. Als Ergänzung tragen die Übertitel angenehm zur Verständigung bei. Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenierten diese Oper 1999. Auch mit den neuen Sängern hat sie ihren Charme behalten. Besonders die Stiefvater/Stiefsohn-Beziehung im ersten Akt und die verliebte Leichtigkeit im dritten Akt.

Oper Stuttgart: Siegfried von Richard Wagner

Besetzung am Freitag, 18.04.2014, 16:00 Uhr
Musikalische Leitung: Marc Soustrot, Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Licht: Dieter Billino

Siegfried: Daniel Brenna, Mime: Heinz Göhrig, Der Wanderer: Markus Marquardt, Alberich: Michael Ebbecke, Fafner: Attila Jun, Stimme eines Waldvogels: Yuko Kakuta, Erda: Renée Morloc, Brünnhilde: Christiane Libor, Mit: Staatsorchester Stuttgart

Fotos: A.T. Schaefer
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