♫ Oper Stuttgart: Ariadne auf Naxos – 101 Jahre nach der Uraufführung

Neuer Blick auf die vor über 100 Jahren im kleinen Haus in Stuttgart uraufgeführte Oper Ariadne auf Naxos von Richard Strauss, siehe > Bestellt wurde sie zur Einweihung des königlichen Musiktheaters …

In der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito steht im Mittelpunkt der ewige Kampf des Künstlers um das Geld und seine Existenz im Missklang/Einklang mit der künstlerischen Freiheit – ein uraltes wie aktuelles Thema. Die Regisseure drehen die Reihenfolge der beiden Opern um, genau wie Strauss sie geschrieben hat. Erst spielt die Oper „Ariadne“, siehe >Inhalt / Handlung: Ariadne auf Naxos

Dann folgt im zweiten Teil die Vor-/Nachbesprechung, denn nach der Vorstellung ist vor der Vorstellung – das ewige Rad, in dem die Künstler sich bewegen, siehe > Vorspiel – wie Künstler mit ihrer Kreativität das Unmögliche möglich machen …

 

Eine in die Jahre gekommene Ariadne (Christiane Iven) platziert sich in Trauerkleidung im Sessel, wickelt sich in ihren schwarzen Mantel, liest ein Buch oder raucht. Irgendwie muss sie ihre Zeit rumbringen. Im Hintergrund beschäftigen sich ihre drei Gespielinnen (Yuko Kakuta, Lindsay Amman, Maria Koryagova) mit Patiencen legen, Hefte sortieren oder polieren mit Hingabe Simse und Spiegel. Gepflegte Langeweile. Auch sie sind mit Ariadne gealtert. In ihrer Jugend waren gerade die voluminösen, hochtoupierten Frisuren – mit reichlich Haarspray fixiert – in Mode. Ebenso ihre in zarten Pastellfarben gehaltenen, plissierten Faltenröcke, die sie immer noch tragen (Kostüme und Bühnenbild Anna Viebrok). Ab und an öffnet eine das Fenster und lässt die Sonne herein. Sie leben auf, singen (wunderschön, wie auf Wellen) sehnsuchtsvoll, während Ariadne sich das Gesicht verdeckt. Sie will leiden!

Zwischendrin kommen Zerbinetta und ihre vier Clowns herein – kostümiert wie im Zirkus. Gut gelaunt singen sie (ideal besetzt mit den Sängerkomödianten Ronan Collett, Heinz Göhrig, Roland Bracht, Torsten Hofmann), werfen dabei die Beine mal nach rechts, mal nach links – jeder in seinem eigenen Rhythmus. Zerbinetta (Julia Bauer singt diese berühmte Koloraturenarie mit Leichtigkeit) versucht Ariadne mit ihren schön gesungenen Koloraturen aufzumuntern. Harlekin, der Draufgänger aus Zerbinettas Gefolge, bändelt mit Ariadne an, findet aber mehr Gefallen an Zerbinetta, die er eifersüchtig verfolgt.

Auf der Bühne laufen zwei Handlungsstränge ab, die sich wenig vermischen. Ariadne mit ihren drei Damen stellt die sich selbst bejammernde und dabei etwas aus der Mode gekommene, ernste Muse dar. Ihr gegenüber die draufgängerische Zerbinetta mit ihren vier grellbunten Herren im Gefolge – die Unterhaltungsbranche.  Sie wirken wie gleich gepolte Magnete, die sich gegenseitig abstoßen.

Am Ende kommt tatsächlich noch der sehnsüchtig erwartete Mann in Gestalt von Bacchus (Erin Caves). Auch er ist nicht mehr taufrisch. Verbraucht fühlt er sich durch das tägliche Antreten bei der liebessüchtigen Circe, nicht sonderlich bereit, es auch noch mit Ariadne und ihrem Gefolge aufzunehmen. Während er sichtlich genug hat und sich verkrümelt, bricht Ariadne freudig auf zu neuen Ufern. Sie schwingt sich aus dem geöffneten Fenster dem Sonnenschein entgegen – glückliche Ariadne.

 

Vorspiel/Nachspiel – die Pause besteht aus einer kurzen Notbeleuchtung des Zuschauerraumes.

Mit Blick auf die Probebühne öffnet sich der Vorhang. Alle Protagonisten, die im ersten Teil in Kostüm und Maske mitspielen, finden sich langsam wieder ein – in ihrer Alltagskluft. Nicht bereit für Kompromisse kommandiert der Haushofmeister (André Jung lässt beim Publikum die Galle hochkommen) die Bedingungen seines Herrn. Kategorisch teilt er den Künstlern mit, dass sie mit ihren Darbietungen alle zusammen zur gleichen Zeit auftreten und zur gleichen Zeit fertig werden müssen, damit das Feuerwerk pünktlich stattfinden kann. Fest steht somit, dass es ihrem Auftraggeber nicht um ihre Kunst oder die Musik oder den Inhalt der Oper geht, sondern lediglich zeitlich in sein Programm hineinpassen soll.

Während sie die Stühle aufbauen, versucht der Musiklehrer (Karl-Friedrich Dürr) verzweifelt, zwischen den Fronten zu vermitteln. Die Vertreter der Unterhaltungsmusik benehmen sich ungeschminkt nicht mehr ganz so keck. Der Protest der ernsthaften Primadonna, mit solchen Leuten zusammen aufzutreten zu müssen, klingt resigniert. Alle haben sich irgendwie damit abgefunden, dass der Auftraggeber mit seinem Geld ihren Auftritt bestimmt. Entweder sie machen mit und lassen sich etwas einfallen, oder sie verhungern. Antriebsarm hocken sie auf den Stühlen, bilden wechselnde Grüppchen oder laufen unmotiviert herum. Eine Künstlerin zeigt sogar schon Hospitalismuserscheinungen. Sie bewegt sich wie im (Alb)traum zwischen den Stuhlreihen und reibt sich unaufhörlich die Hände.

Sophie Marilley überzeugt als vergeistigter Komponist, der am Ende vor den Orchestergraben springt. Dem Stuttgarter Opernpublikum singt er seinen Kummer vor, dreht sich zum Orchester um und dirigiert die furiosen Schlusstakte ganz allein. Bei den letzten majestätischen Tönen geht das Licht aus.

Durch den Aufbruch der Ariadne und den Ausbruch des jungen Komponisten lenkt die Inszenierung den Blick auf eine ewige Erneuerung der klassischen Kultur. Sowohl Ariadne, obwohl in fortgeschrittenem Alter und sichtlich aus der Übung, als auch der junge, stürmische Komponist brechen auf zu neuen Ufern.

Was soll uns das sagen???

 

Ariadne auf Naxos von Richard Strauss in der Oper Stuttgart
Oper in einem Aufzug (1912) nebst einem Vorspiel (1916) von Hugo von Hofmannsthal, aufgeführt in der Reihenfolge ihrer Entstehung

Besetzung am Samstag, 15.02.2014, 19:00 Uhr
Musikalische Leitung: Michael Schønwandt
Regie und Dramaturgie: Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne und Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Reinhard Traub

Fotos: A.T. Schaefer

Primadonna / Ariadne: Christiane Iven
Tenor / Bacchus: Erin Caves
Zerbinetta: Julia Bauer
Harlekin: Ronan Collett
Scaramuccio: Heinz Göhrig
Truffaldin: Roland Bracht
Brighella: Torsten Hofmann
Najade: Yuko Kakuta
Dryade: Lindsay Ammann
Echo: Maria Koryagova
Haushofmeister: André Jung
Komponist: Sophie Marilley
Musiklehrer: Karl-Friedrich Dürr
Tanzmeister: Daniel Kluge
Lakai: Ashley David Prewett
Perückenmacher: Daehyun Ahn
Offizier: Marc Schwämmlein
Mit: Staatsorchester Stuttgart

 

 

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